Berlin : Hilfe vom Pinguin

Die lokale Computerindustrie verspricht sich neuen Schwung – auch von Linux-Tag und IT Profits-Messe Die Branche fordert vom Senat mehr Investitionen und Engagement für die hiesigen Unternehmen

Kurt Sagatz,Moritz Honert

Die Hauptstadtregion hat ein Problem: Mit 38 000 Beschäftigten in 3700 Unternehmen und einem Jahresumsatz von 5,6 Milliarden Euro steht die Informations- und Telekommunikationsbranche der Region zwar an zweiter Stelle in Deutschland – nur leider wird das sowohl innerhalb der Region Berlin-Brandenburg als auch außerhalb lediglich von den Experten wahrgenommen. Und weil die IT-Branche der Region bislang ein Problem mit der Außendarstellung hatte, kam es immer wieder vor, dass bei Ausschreibungen häufig überregionale Bewerber den Vorzug erhielten.

In diesem Jahr soll das alles anders werden. Zumindest ist dies die Hoffnung der Computer-Industrie in der Region. Nach zähem Ringen und einem harten Konkurrenzkampf mit anderen Messegesellschaften in Deutschland ist es gelungen, die wichtigste Veranstaltung für das Betriebsystem Linux, eine sogenannte Open-Source-Software, die von Benutzern lizenzfrei genutzt und mitprogrammiert werden kann, nach Berlin zu holen. Vom 30. Mai bis zum 2. Juni findet in den Messehallen unterm Funkturm der Linux-Tag 2007 statt – parallel zur IT-Regionalmesse IT Profits.

„Dadurch, dass die IT Profits nun parallel zum Linux-Tag stattfindet, kann die regionale Veranstaltung zum überregionalen Schaufenster des IT-Standortes Berlin werden“, glaubt Jens Heithecker, Direktor der Messe Berlin. Für beide Veranstaltungen zusammen erwartet der Messe-Direktor bis zu 10 000 Besucher aus Berlin, Deutschland und darüber hinaus. Hoffnungen verbindet aber auch die regionale IT-Branche mit dem Linux-Pinguin, dem Maskottchen der Open-Source-Bewegung: „Linux-Business ist lokales Business“, hatte Ortwin Wohlrab, Vorstandsvorsitzender des IT-Branchenverbandes SIBB die Entscheidung des Linux-Tages für Berlin im Tagesspiegel kommentiert.

Der Linux-Tag hat eine lange Tradition und findet an wechselnden Orten bereits seit 1996 statt. Anfangs eine reine Community-Veranstaltung, treffen sich dort neben den Linux-Enthusiasten inzwischen aber genauso Wirtschaftsvertreter und IT-Verantwortliche aus den Behörden. Der Linux-Tag ist Messe und Kongress in einem. Im Ausstellungsbereich finden sich neben den Linux-Projekten Debian oder KDE auch zahlreiche kommerzielle Aussteller wie Novell, Sun oder IBM.

Der viertägige Linux-Kongress mit seinen 200 Vorträgen umfasst ein breites Spektrum. Am Eröffnungsmittwoch werden unter anderem die Felder „Linux und Medizin“ sowie „Virtualisierung mit Linux“ behandelt. Am Donnerstag geht es um den Einsatz von Linux und freier Software in Unternehmen. Am Sonnabend endet der Kongress mit den Themen „Linux und Bildung“ sowie „Web-2.0-Technologien“.

Dass Linux insbesondere für die öffentliche Hand ein spannendes Thema ist, zeigen die Veranstaltungen am 30. und 31. Mai. Hier werden in vier Vortragsreihen Einsatzbeispiele für Linux und Open-Source-Lösungen auf Europa-, Bundes-, Landes- und Kommunalebene vorgestellt. Das Bundesinnenministerium, das für diese Veranstaltung verantwortlich ist, wird dabei unter anderem erläutern, wie sich deren Linux- Server während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bewährt haben. Auch in anderen Verwaltungen spielt Linux inzwischen eine gewichtige Rolle. Die bayerische Landeshauptstadt wird den Kongress dafür nutzen, den ersten Jahresbericht zum Einsatz von Linux-Rechnern in München zu präsentieren.

Eine groß angelegte Nutzung von Open-Office-Technologie auch in der Berliner Verwaltung fordert derzeit der SIBB. „Der Senat zementiert die Computersteinzeit“, lautet der Vorwurf. Die Forderung: Das Land Berlin solle die jährlich rund 100 Millionen Euro für EDV-Investitionen gezielt in der Region ausgeben. Durch einen Einkauf bei internationalen Herstellern riskiere das Land „unkalkulierbare Lizenzkosten, regionale EDV-Arbeitsplätze und eine Herstellerabhängigkeit“ Der bereits im Dezember 2005 vorgetragenen Forderung des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses an den Senat, eine Strategie vorzulegen, sämtliche Verwaltungsrechner auf offene Software umzulegen, werde nicht Rechnung getragen.

Udo Rienaß von der Senatsverwaltung für Inneres hat für die Klage Verständnis, verweist allerdings darauf, dass bereits jetzt rund 40 Prozent der Server und rund 13 Prozent der Bürorechner der Verwaltung mit Open-Source-Software liefen. „Der Einsatz solcher Programme wird stets geprüft“, sagt er. Im Endeffekt entscheide jedoch der Preis welcher Anbieter den Zuschlag erhalte.

Neben dem Linux-Kongress, für den die normale Eintrittskarte ausreicht, findet der komplett neu ausgerichtete, kostenpflichtige Fachkongress zur IT Profits statt (Dauerkarte 250 Euro). Die IT Profits selbst will vor allem die Bedeutung der IT-Branche für die Region widerspiegeln. Zum Beispiel mit innovativen Lösungen aus dem Bereich Biometrie. Das Berliner Unternehmen Horatio zeigt auf der Messe ein neuartiges Augenscanner-System und das Unternehmen http.net präsentiert eine Lösung zum preiswerten Versand elektronischer Rechnungen mit digitaler Signatur.

„In Berlin werden neue Ideen geboren und durch junge Firmen zum Erfolg geführt“, sagt SIBB-Chef Wohlrab und verbindet die IT Profits mit dem Messe-Neuling: „Mit dem Linux-Tag beweisen wir ein weiteres Mal, dass Berlin voller Ideen ist.“

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