Berlin : Hilfeschreie in den eigenen Körper geritzt

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Manchmal, wenn er alleine ist, reißt Herr X sich einen Fingernagel ab. Er kann nicht aufhören zu zerren, bis der Nagel fast vollständig zerstört ist. Ordentlich traktiert er einen Finger nach dem anderen, "immer", sagt er, "ist nur einer dran", erst wenn der erledigt ist, geht Herr X zum nächsten über.

Symptome sind wie Zeichen auf den Leib geschrieben. Nie eindeutig zu lesen, verlangen sie nach Übersetzung, sie erzählen eine individuelle Geschichte. Körpersymptome können Hilferufe sein, die sich wie ein Brief an die Umwelt oder einen Therapeuten richten. Sie können aber auch Kommunikation verschließen. "In manchen Fällen kann der Therapeut nur Zeuge einer Einschreibung in den Körper sein, die sich nicht an ihn richtet", meinte Joachim Küchenhoff, Leiter der Abteilung Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, auf dem Colloquium "Psychoanalyse" an der Freien Universität.

In dem Vortrag "Körpersymptome als Beziehungsinszenierung" legte Küchenhoff den Schwerpunkt auf "selbstverletzendes Verhalten", das häufig als Reaktion auf frühe Traumatisierungen, beispielsweise sexuellen Missbrauch, auftritt. Menschen fügen sich selbst zwanghaft immer wieder Schnittwunden, Verbrennungen, grobe Verletzungen zu. Dies ist nicht ein Appell an andere, der Körper werde hier, so Küchenhoff, zur Bühne oder zum Container. "Er muss Erfahrungen bergen oder als Ort von Beziehungsformen dienen, die den äußeren Objekten nicht mehr zugetraut werden." Im Fall von Herrn X wird eine Hand zur Verfolgerin der anderen, die eine ist die gestrafte, die andere die bestrafende Instanz. Der Sinn dieser Inszenierung sei es, Wut und Grausamkeit, die im Alltagskontakt mit anderen Menschen gar gefährlich werden könnten, lieber am eigenen Körper auszutragen. Die zwischenmenschlichen Alltagsbeziehungen werden so geschont.

In wieder anderen Fällen wirkt selbstverletzendes Verhalten entlastend, wie ein Ventil für allzu großen psychischen Druck. Es hilft, den Körper zu spüren und Körpergrenzen aufrecht zu erhalten. Als Beispiel hierfür nannte Küchenhoff eine magersüchtige Patientin, die sich "entleert" fühlte und imaginierte Stimmen hörte, wenn ihr jemand zu nahe kam. Sobald sie sich Schnitte oder Verbrennungen an Handflächen und Fußsohlen zufügte, gingen die Stimmen zurück. "Über den intensiven Schmerz an der Körpergrenze stellt die Frau das Empfinden wieder her, über eigene Grenzen zu verfügen", deutete Küchenhoff. Heil bleibe der Körper hier nur durch ein Opfer, durch eine Wunde. Die Schnitte werden selten beliebig gesetzt, Narben wirken wie Markierungen, wie Schriftzeichen auf der Haut.

Küchenhoff hielt sich an die klinische Unterscheidung zwischen neurotischen, borderline und psychotischen Störungen. Die erste Erfahrung, die wir von unserem Leib machen, sei eine zwischenmenschliche: der enge Hautkontakt von Mutter und Kind. In welcher Art Körpersymptome später auftreten, hat viel mit dieser ersten Erfahrung zu tun. Wurde sie vertrauensvoll erlebt, kann das neurotische Körpersymptom zum "Brief" werden. Waren frühe Kontakte beängstigend und drohten die eigene Person zu überschwemmen, kann - wie in borderline oder psychotischen Störungen - das Körpersymptom zum Monolog, zum Schutzwall gegen die Außenwelt werden.

Ziel einer Therapie wäre es, "die Fixierung aufzuheben und den Körper vor den immer gleichen Einschreibungen zu verschonen". Das hieße auch, die "Bühne" zu verlagern, Konflikte, die der Patient schmerzhaft an sich selbst austrägt, angstfrei in eine therapeutischen, zwischenmenschliche Beziehung zu überführen.Der "Arbeitskreis Psychoanalyse" an der FU Berlin veranstaltet regelmäßig Vorträge zur psychoanalytischen Theorie. Am 7. Dezember wird ein Werktstattgespräch mit dem Titel "Encore - Über die Wiederholung" stattfinden (Habelschwerdter Allee 45, Raum JK 25/219, 19 Uhr).

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