Berlin : Hilflos bei jungen Vielfachtätern

Junges Mädchen mit 25 Straftaten bleibt in der Familie. Polizei klagt: „Uns sind die Hände gebunden“

Tanja Buntrock

Es ist fast immer der gleiche Kreislauf, wenn es um minderjährige Serienstraftäter geht. Die Behörden können offenbar nicht einschreiten. Und so klagt ein Ermittler im Fall der 13-jährigen Intensivtäterin, die Anfang der Woche, wie berichtet, ein Hostel in Tiergarten überfallen hat: „Uns sind die Hände gebunden. Wir mussten sie nach der Vernehmung wieder gehen lassen. Mit 13 Jahren ist die Täterin noch strafunmündig.“

Dabei ist die Polizeiakte von Lara (Name geändert) umfangreich: Sie umfasst mehr als 25 Straftaten. Vor drei Monaten hat Lara eine Studentin so brutal getreten, dass diese unglücklich fiel und seitdem gehbehindert ist. Lara ist das einzige Mädchen unter 14 Jahren, das bei der Polizei als Intensivtäterin registriert ist. Insgesamt zählt die Polizei 591 jugendliche und heranwachsende Intensivtäter, 19 davon sind weiblich. Die Mädchen und jungen Frauen, die kriminell werden, sind dabei meistens in einer losen Clique Gleichaltriger unterwegs. Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es in der Stadt nur drei feste Mädchenbanden, die sich regelmäßig treffen und sich einen Namen gegeben haben: Die Banden sind in Moabit, Tiergarten, Wedding angesiedelt.

Doch was passiert mit diesen jungen Straftätern, die, wie Lara, immer wieder auffällig werden? „Das Jugendamt ist zuständig“, heißt es bei der Polizei. Jede Straftat, die Lara begeht, wird von ihrem persönlichen Polizei-Sachbearbeiter an das Amt weitergeleitet. „Wir haben einen Hilfeplan erstellt“, sagt der Jugendamtsleiter in Mitte, Dietmar Schmidt. „Erzieherische Defizite“ gebe es in der Familie der 13-Jährigen aus Tiergarten. Bereits seit 2001 werde die Mutter, die 28 Jahre alt ist und sechs Kinder hat, vom Jugendamt betreut. Sozialarbeiter kämen mehrmals wöchentlich vorbei und kümmerten sich um die Familie. Doch von ihrer kriminellen Karriere konnten die Sozialarbeiter die 13-Jährige bislang nicht abhalten.

Obwohl die Mutter ganz offensichtlich mit der Erziehung des Mädchens überfordert sei, gebe es keine Möglichkeit, das Kind aus der Familie zu nehmen. „Dazu bräuchten wir einen Beschluss des Familiengerichts“, sagt Schmidt. Doch da die Mutter mit dem Jugendamt kooperiere und die Hilfsangebote zulasse, werde kein Familienrichter zustimmen, das Kind aus der Familie zu nehmen. „Das geht nur, wenn das Kindeswohl massiv gefährdet ist“, sagt Schmidt. Und dies sei bei Lara nicht der Fall. Genauer wollte der Jugendamtsleiter dies nicht erläutern.

Auch die Justiz ist machtlos: „Wir können strafrechtlich in so einem Fall nichts machen“, sagt ein Staatsanwalt. Erst wenn das Kind 14 Jahre alt ist, gibt es theoretisch die Möglichkeit, die Tatverdächtige nach einer schwerwiegenden Straftat in Untersuchungshaft zu stecken oder „ganz engmaschig zu betreuen“, beispielsweise in einem geschlossenen Erziehungsheim wie im brandenburgischen Frostenwalde. „Doch das ist immer eine Einzelfallentscheidung.“

Und grundsätzlich gelte bei der Justiz: Je jünger der Tatverdächtige ist, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass er in die U-Haft kommt. Denn die U-Haft soll lediglich das Strafverfahren sichern und nicht die eigentliche Strafe schon vorwegnehmen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben