Berlin : Hilflose Vermittler und hoffnungslose Fälle

Jeder fünfte erwerbsfähige Berliner ist nun ohne Beschäftigung. Doch die Arbeitsagenturen haben gerade einmal 9300 offene Stellen anzubieten

Sigrid Kneist,Christian van Lessen

So viele Arbeitslose gab es noch nie in Berlin, gestern wurde der neue Höchststand verkündet: 331 095 Arbeitslose sind jetzt in der Stadt gemeldet. Die Quote von 19,6 Prozent bedeutet, dass beinahe jeder fünfte Erwerbsfähige keinen Job hat. „Über solche Zahlen darf ich gar nicht zu lange nachdenken“, sagt Annett Kiepert. Sonst könne sie schon an der eigenen Tätigkeit zweifeln. Kiepert ist Fallmanagerin im neuen Job-Center Friedrichshain-Kreuzberg und betreut junge Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die besondere Schwierigkeiten haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das Büro der Fallmanagerin ist beinahe leergeräumt. Nach gut zwei Monaten im Job-Center muss sie heute einen anderen Raum beziehen. Auch dies wird eine Übergangslösung sein; der endgültige Umzug steht noch bevor. In der Anfangsphase läuft vieles provisorisch. Das führt zu Kritik. Nach Auffassung der Bündnisgrünen sind die Job-Center zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt und können die Arbeitslosen nicht angemessen fördern.

Und Förderung braucht Annett Kieperts Klientel in den meisten Fällen. Viele der Jugendlichen haben keinen Schulabschluss, sprechen nicht gut Deutsch und sind schon im jungen Alter reichlich frustriert. Oft ist es kein regulärer Arbeits- oder Ausbildungsplatz, den sie anbieten kann, sondern eine überbetriebliche Ausbildung oder eine andere Maßnahme. Fördern durch Weiterbildung sollen die Job-Center auch die älteren ALG-II-Empfänger. Berlin-Brandenburgs DGB-Chef Dieter Scholz hält Weiterqualifizierung für eine der vorrangigsten Aufgaben. Aber auch diese Maßnahmen helfen nicht weiter, wenn es keine Arbeitsplätze gibt. Denn den mehr als 331 000 Arbeitslosen stehen nur 9300 bei den Arbeitsagenturen gemeldete offene Stellen gegenüber.

Viele Arbeitslose blicken deswegen relativ hoffnungslos in die Zukunft. Einer von ihnen ist Gregor D.. Er zählt zu den 206 000 Berliner ALG-II-Empfängern, die die Arbeitsmarktstatistik gestern aufführt. Am Vormittag steigt er die Stufen zur Arbeitsagentur an der Weddinger Müllerstraße hoch. „Hier müsste eigentlich ’ne Trauerflagge hängen“, sagt er. Der 45-Jährige aus der Wollankstraße kennt sich aus im fünfstöckigen Haus. Weiß, dass es oben seit einem halben Jahr keine Kantine mehr gibt, um sich dort die Wartezeit zu vertreiben. Nun sitzt er in einem der blassgelb oder blassblau gefliesten Gänge, die an ein Krankenhaus erinnern. Die Nummernanzeige klickt von 640 auf 641 und verweist auf ein Bürozimmer. „Sie auch schon wieder hier?“, fragt die Beraterin, als sie die Tür aufmacht und ihn sieht. „Zugenommen haben Sie!“

Der ehemalige Berufskraftfahrer ist seit drei Jahren arbeitslos, und seit fast fünf Jahren krankgeschrieben. Ein Rückenleiden, das sich seiner Ansicht nach nicht heilen lässt. Er trägt in einem Einkaufsbeutel die Schreiben von Anwälten, Ärzten und der Landesversicherungsanstalt mit sich. „Ohne Anwalt kannst du dich erschießen“, sagt er und ist froh, eine Rechtschutzversicherung zu haben. „Ich kämpfe um die EU-Rente“, die Rente für Erwerbsunfähigkeit. Bis März kann er sich eines Überbrückungsgeldes sicher sein, das sind 667 Euro. Zum Leben bleiben ihm gerade mal 150 Euro im Monat.

Ein Stockwerk höher sitzt in einem der Gänge Regina M., die sich nie hatte träumen lassen, hier einmal eine Nummer zu sein. Sie ist Bankkauffrau, hat 38 Jahre lang bei ihrer Bank gearbeitet. Nun ist sie seit drei Monaten arbeitslos, ihre Stelle fiel nach einem Verkauf des Unternehmens weg. Seit drei Monaten hat sie den ersten Termin bei einer Vermittlungsberaterin. Erst fühlte sich eine andere Arbeitsagentur zuständig, man sagte ihr, sie habe nur Anspruch auf 12 Monate Arbeitslosengeld, die Rechtslage sei geändert worden. Erst eine Informationsschrift der IG-Metall klärte sie auf, dass es in ihrem Fall 26 Monate sind. Sie ärgert die „gediegene Halbbildung“ in den Arbeitsagenturen. Über ihre berufliche Zukunft macht sie sich keine Illusionen mehr. „55 ist ein Scheißalter.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben