Hilfsangebote : Der Zwangsehe entflohen – und allein gelassen

Weil die Angebote für junge Frauen in Not nicht mehr zeitgemäß sind, fordern die Grünen eine Reform der Hilfe für Migrantinnen. Die Frauenhäuser bieten nicht mehr ausreichend Schutz für die Opfer häuslicher Gewalt.

Annette Kögel

Das Berliner Hilfesystem für junge Migranten, die Opfer von Zwangsehe und Gewalt wurden, „ist nicht mehr zeitgemäß und muss dringend reformiert werden“. Dies fordern jetzt die Grünen im Abgeordnetenhaus. Nach Angaben der migrationspolitischen Sprecherin Bilkay Öney wollen vor allem junge Frauen nicht mehr in die Frauenhäuser, weil ihre Adressen zum Teil bei den Männern bekannt seien. Viele Migrantinnen würden sich aus Angst, die Familienehre zu beschmutzen und verfolgt zu werden, nicht trauen, zur Polizei zu gehen. Hingegen nehme die Zahl derer, die sich an Hilfsorganisationen wenden, „dramatisch zu“.

Dass die Angebote verbessert werden müssen, hat auch der Senat erkannt: Der Ehrenamtlichen-Verein „Hatun und Can“ sowie „Terres des Femmes“ sollen bis Anfang 2008 Engpässe bei der Unterbringung von Frauen in Not dokumentieren. Der Berliner Nothilfeverein „Hatun und Can e.V.“ werde von Anfragen aus dem In- und Ausland „förmlich überrollt“, sagte Bilkay Öney.

Bei der Hilfsorganisation „Terres des Femmes“, die auch Anfragen aus Berlin bekommt, sind mittlerweile die Hälfte der im Monat registrierten Hilfeersuchen verzweifelte Frauen, die von der Familie mit Zwangsverheiratung oder auf ihrer Flucht mit dem Tode bedroht werden. Über solche Probleme bei der Integration und die Hürden bei den Ämtern debattiert der Bundestag heute und morgen. Grüne, FDP und Linkspartei wollen verschiedene Anträge gegen Zwangsehe und für die Stärkung der Rechte von Frauen einbringen.

Die Berliner Anwältin Regina Kalthegener von „Terres des Femmes“ weiß von Beispielen, bei denen Frauen von Mitarbeitern vertröstet wurden mit dem Hinweis, dass „jetzt der Feierabend“ beginne. Es müsse in akuter Not viel schneller und flexibler reagiert werden. Jugendämter weigerten sich teils, Hilfen für junge Frauen zu finanzieren, heißt es auch beim Integrationsbeauftragen Günter Piening. Anwältin Kalthenger zufolge litten Betroffene unter Gesetzeslücken im Opferschutz. So können von ihren Familien bedrohte, „zu westlich“ lebende Frauen und untergetauchte, geächtete Homosexuelle zwar eine Auskunftssperre bei den Ämtern gegenüber Dritten beantragen. Diese erlösche aber oft, ohne dass die Betroffenen informiert würden.

„Es gibt auch Frauen, die von Ämtern aufgefordert wurden, schriftliche Beweise vorzulegen, dass der Vater sie umbringen wolle – doch diese Todesdrohungen werden nun mal mündlich ausgesprochen“, sagt Kalthegener. Es komme immer wieder vor, dass Väter oder Brüder den Aufenthaltsort der untergetauchtenFrauen über deren Krankenversicherung herausfinden. Es sei zudem absurd, so Kalthegener, „dass Frauen, die ihren Namen zum eigenen Schutz ändern lassen wollen, nach geltendem Recht ausgerechnet ihre Familien davon in Kenntnis setzen müssen.“

Den mit privaten Spendengeldern arbeitenden „Hatun und Can e.V.“ erreichen inzwischen mehrere Hilfeersuchen verzweifelter junger Migranten in Todesangst pro Woche – aus ganz Deutschland, selbst aus dem Ausland. Seit seiner Gründung anlässlich des zweiten Todestages der ermordeten Deutschtürkin Hatun Sürücü im Februar 2007 half der Verein mehr als 80 Menschen. Sie konnten dank der Unterstützung einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft vorübergehend untergebracht oder an Vereine wie „Papatya“ vermittelt werden.

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