Hilfsfonds für ehemalige DDR-Heimkinder : Beratungsstellen fordern neue Mittel

Als Jugendliche erlitten sie Qualen in Werkhöfen oder arbeiteten auf dem Bau. Nun fordert Brandenburg mehr Unterstützung für frühere Heimkinder der DDR.

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Mädchen und Jungen eines Stralsunder Kinderheims harken in den 1980er Jahren auf dem Heimgelände.
Trügerisches Idyll. Mädchen und Jungen eines Stralsunder Kinderheims harken in den 1980er Jahren auf dem Heimgelände. Doch eine...Foto: picture alliance / zb

Ausbildungsbeihilfen oder erstmals in ihrem Leben eine funktionsgerechte Küche, Therapien, Kuren, altersgerechte Möbel – einstige Heimkinder aus der DDR, die bis zum 18. Lebensjahr in repressiven Spezialanstalten Leid erfahren haben, können über den „Hilfsfonds Ost“ seit 2012 vielfältige Unterstützungen erhalten. Zur Seite stehen ihnen dabei Beratungsstellen in Potsdam und Berlin. Doch seit die Mittel des Fonds wie berichtet komplett ausgegeben sind, ist damit Schluss. „Seit Jahresbeginn können wir nicht mehr konkret zu Hilfen beraten und diese vereinbaren“, klagt Brandenburgs Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe.

Unterstützt von den Berliner Beratern forderte sie am Donnerstag Bund und Länder auf, endlich zu handeln. „Bevor ein neues Budget bewilligt wird, sollte man uns wenigstens schon einen Teilbetrag umgehend zusichern.“

„Umerziehung zu einem sozialistischen Menschen durch Arbeit“

Es geht um frühere Heimkinder mit teils bedrückenden Schicksalen. Sie waren meist in Spezialheimen oder Jugendwerkhöfen „zur Umerziehung zu einem sozialistischen Menschen durch Arbeit“ untergebracht. Oft wegen „abweichenden Verhaltens“, was bedeutete: Sie selbst hatten sich als Jugendliche dem staatlichen Persönlichkeitsideal verweigert. Oder sie wurden als Kinder ihren DDR-kritischen Eltern weggenommen. In den Werkhöfen mussten sie ab 14 Jahren körperlich schwer arbeiten, etwa am Bau. Sie wurden misshandelt, waren Betreuern zuweilen ausgeliefert, lebten mit wenig Geborgenheit, erlernten keinen Beruf. Körperliche Gebrechen, psychische Leiden, Armut, Lebensuntüchtigkeit sind bis heute die Folge bei Betroffenen.

Brandenburgs Beratungsstelle für Heimkinder in der DDR gehört zum Potsdamer Dienstsitz von Ulrike Poppe. Im Juni 2012 wurde der Hilfsfonds Ost für diese Menschen eingerichtet. Bund und Länder stellten 40 Millionen Euro bereit. Das Geld war aber im Dezember 2013 aufgebraucht. Kurz danach sicherten die Verantwortlichen zwar maximal weitere 160 Millionen Euro zu, abrufbar sind diese Gelder aber bislang nicht. Zuvor müssen die Länder noch eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnen.

Ansprüche verfallen am 30. September

Die Berater befürchten nun, dass dies erst im Herbst geschieht. Denn spätestens bis zum 30. September 2014 müssen die einstigen Heimkinder Hilfen beantragen. Danach verfällt ihr Anspruch. Nach Ablauf der Frist weiß man folglich genauer, wie viel zusätzliches Geld noch benötigt wird. Das wollten die Politiker wohl abwarten, wird von Betroffenen vermutet.

Zugleich ist der Andrang bei den vier Beratern in Potsdam aber „riesengroß“, wie Poppe sagt. Rund 500 Brandenburger im Alter ab 35 Jahren wurden schon unterstützt, knapp 2000 weitere warten auf Beratungen. Und Poppe schätzt, dass bis Ende September noch mal bis zu 3000 Menschen hinzukommen. Deshalb übt auch Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) Druck auf die anderen Länder aus. Ihre Sprecherin ist aber optimistisch: „Wir glauben, dass die zusätzlichen Gelder zeitnah kommen.“

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