Berlin : Himmel voller Felgen

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Von Bernd Matthies

Gelegentlich gibt die eigene Zeitung Rätsel auf. „Werter Radler vom Samstag: Entschuldigung“ hieß es gestern in einer kleinen Tagesspiegel-Anzeige – eine analytisch interessante Mischung. „Werter“ lässt eher auf ostdeutsche Provenienz schließen („Werte Genossen!“), der Samstag statt dem ortsüblichen Sonnabend weist eher in den Süden der Republik. Und wer sich bei einem Radfahrer ernstlich zu entschuldigen gedenkt, der kann sowieso noch nicht lange in Berlin leben – oder er ist selbst einer.

Das Persönlichkeitsprofil des Berliner Innenstadtradlers nämlich stempelt ihn einwandfrei zum Guerillero. Ja, es gibt vor allem in Kreuz- und Prenzlauer Berg schon befreite Zonen, in denen nur noch das Gesetz der Tretkurbel gilt, und zwar unabhängig von einschränkenden Paragraphen. Der Dynamo – und mit ihm die sichtbare Beleuchtung – ist für die Härtesten unter den Radlern ein Stigma des automobilen Schweinesystems, die Ampel dessen Terrorinstrument. In diesem Sinn grüßen wir den jungen Mann, der neulich nachts am Kottbusser Tor bei Rot ohne Beleuchtung um den Kreis strebte und gegen hupende Autofahrer empört die Faust reckte, als aufrechten Kämpfer für die Sache des strampelnden Volkes – und hoffen, dass er die Abschaffung der Autokratie im Sattel und nicht im Rollstuhl erleben darf. Doch solche bürgerlichen Erwägungen werden ihn kalt lassen. Was ist schon das eigene Leben, wenn ein freies Land winkt, in dem der Himmel voller Hohlkammerfelgen hängt und die freie Wahl der Fahrspur durch das Volk selbstverständliche Maxime ist?

Ja, und deshalb kann die Entschuldigung nicht ihm gegolten haben. Sondern irgendeinem anderen Radler, der es mit den bürgerlichen Regeln hält. Solche Leute gibt es ja auch noch.

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