Berlin : Himmlisches Flechtwerk

Katrin Schröder leitet die Korbmacherei der Blindenanstalt, entwirft Formen – und manchmal auch Sterne

Judith Jenner

In einem Becken treiben Weidenäste in grünlich-trübem Wasser. Körbe und Hocker stapeln sich bis unter die Decke des alten Backsteinbaus an der Oranienstraße. Mittendrin steht Katrin Schröder, korrigiert mit ruhiger Stimme die Arbeit eines Mitarbeiters, der das Korbgeflecht für einen Hocker fertigt. Sie liebt dieses Ambiente. Das Zuschneiden von Weiden, Entwerfen von Formen und Mustern, das Flechten der feuchten Stäbe hat die 35-Jährige seit ihrer Jugend fasziniert. Damals sah Katrin Schröder im Fernsehen einen Korbflechter. „Ich war tief beeindruckt. Ich wusste, das möchte ich auch machen.“

Seit vier Jahren arbeitet sie nun in der Korbflechterei der Blindenanstalt in Kreuzberg. Der Umgang mit Sehbehinderten, Geistig- und Körperbehinderten war anfangs ungewohnt. Viel Einfühlungsvermögen sei notwendig, um die Grenzen und Möglichkeiten der Behinderten kennen zu lernen, sagt sie. Gerade für Blinde und stark Sehbehinderte eignen sich die Korbflechterei und die Bürstenmacherei, weil sich die Materialien gut ertasten und formen lassen. Die Gebrauchsgegenstände, von denen viele ihres witzigen Designs wegen schon Kult sind, verkaufen sich im Geschäft im Erdgeschoss gut. Jetzt, vor dem Weihnachtsfest, sind grüne Spülbürsten in Form von Weihnachtsbäumen der Schlager. Und Katrin Schröder hat Sterne und Kugeln aus Peddigrohr zum Saisongeschäft beigesteuert.

Büroarbeit, etwa Dienstpläne für ihre 17 behinderten Mitarbeiter, gehört zu Katrin Schröders Arbeitsalltag. Für einen Bürojob aber ist sie nicht gemacht. „Es ist ein gutes Gefühl, am Abend etwas in der Hand zu halten, das man selber geschaffen hat.“ Korbflechter sind heutzutage mit der Restaurierung antiker Möbel beschäftigt oder in Fabriken angestellt. In der Blindenanstalt kann Katrin Schröder kreativ sein und sich selbst neue Produkte ausdenken. Die gemeinsam mit den Designern Vogt und Weizenegger entworfenen Korbmöbel werden sogar aus den USA und London geordert.

Maschinell können Körbe nicht hergestellt werden. So ist jedes Geflecht ein Unikat. Das findet Katrin Schröder wertvoll. „In unserer Wegwerfgesellschaft ist es wichtig, sich auf Handarbeit zu besinnen.“ Wenn sie Zeit findet, selbst einmal nach Herzenslust zu flechten, vergisst sie alles um sich. „Und das ist doch ein sicheres Zeichen, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe, oder?“

Blindenanstalt Berlin, Oranienstr. 26, Kreuzberg, Tel. 902986614. Laden-Öffnungszeiten, Montag bis Mittwoch 9 bis 17, Donnerstag 10 bis 17.30, Freitag 9 bis 15 Uhr. Mehr Infos auch über Produkte im Internet unter www.blindenanstalt.de

Sie wollen Katrin Schröders Strohsterne unter fachkundiger Anleitung fertigen? Dann kommen Sie einfach in ihren Workshop.

Am Dienstag, 7. Dezember, von 13-15 Uhr können Sie in der Werkstatt der Blindenanstalt, Oranienstr. 26, Kreuzberg, basteln. Kosten: 5 Euro pro Stunde. Auf Wunsch ist eine Führung durch die Werkstätten möglich. Anmeldung unter Telefon 90298-6614.

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