Berlin : Himmlisches Schauspiel

Auch an kühlen Abenden lohnt sich ein Besuch des Hexenkessel Hoftheaters. Heute gibt’s Molière Welche Freiluftbühnen dieses Wochenende noch auf trockene Vorstellungen und mutige Gäste hoffen

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anderem „Der eingebildete Kranke“.
anderem „Der eingebildete Kranke“.

Theater im Freien, das ist die Rückkehr zu den Ursprüngen. Denn wo ist das abendländische Theater entstanden? Natürlich unter dem blauen Himmel Griechenlands, in den Amphitheatern von Athen oder Epidauros, wo mit den Stücken von Sophokles, Euripides und Aischylos die europäische Literatur das Licht der (nicht überdachten) Welt erblickte. Die Waldbühne ist nach den Prinzipien antiker Bühnen angelegt, aber riesengroß, und Theater wird hier eher selten gespielt. Näher dran am Open-Air-Geschehen sind die Besucher im 2008 eröffneten Amphitheater des Hexenkessel Hoftheaters im Monbijoupark. Es ist komplett aus Holz und zitiert ebenfalls eine ältere Theaterform, nämlich die halbrunden, vergleichsweise intim konstruierten Theater der Renaissance.

Bis 3. September sind hier dienstags bis sonnabends täglich zwei Inszenierungen zu sehen: „Der Diener zweier Herrn“ von Carlo Goldoni und „Der eingebildete Kranke“ von Molière. Goldoni und Molière bilden mit Shakespeare das klassische Dreigestirn des Hauses. Regisseur Jan Zimmermann bringt ausschließlich Werke dieser drei Dichter auf die Bühne, die er selbst übersetzt, neu bearbeitet und einkürzt. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Schauspielerin Carsta Zimmermann, und dem Schauspieler und Choreografen Roger Jahnke hat Zimmermann das Hexenkessel Hoftheater 1994 gegründet – damals noch im Hinterhof des Hauses Schönhauser Allee 177b. Seit 1999 spielen sie im Monbijoupark, 2008 wurde das mobile Amphitheater mit 400 Plätzen erstmals errichtet. Es wird jeden Winter wieder abgebaut.

Weitere Spielstätten sind im Laufe der Zeit hinzugekommen. Auf dem Dach des benachbarten Luftschutzbunkers, wo im zweiten Weltkrieg schwangere Frauen aus der Charité unterkamen, wird seit 2010 die „Sommerbühne auf dem Bunkerdach“ bespielt – ab 11. August mit Shakespeares „Wintermärchen“. Bereits dieses Wochenende kann man hier oben das Gastspiel „Sommernachtsopera“ besuchen: Julia Reger setzt Arien von Bellini, Verdi und Rossini in Szene und paart sie mit Gipsy-Musik. Unten am Spreeufer lädt die erste Strandbar Deutschlands – sie eröffnete 2002 – fast jeden Abend zu Tango, Swing oder anderen Tänzen. Sollte es stark regnen, werden bereits gekaufte Eintrittskarten für das Amphitheater automatisch zu Gutscheinen für eine spätere Vorstellung. Unter der Wetterhotline 288 86 69 99 können Besucher bis spätabends erfragen, ob eine Aufführung stattfindet. Bei leichtem Regen werden Regencapes ausgegeben, zudem sind 200 der 400 Plätze überdacht.

Es gibt dieses Wochenende noch mehr Freilufttheater. Nur wenige Minuten vom Monbijoupark entfernt, in den Heckmannhöfen, hat das Galli Theater seinen Sitz, einst in Freiburg gegründet von dem Philosophiestudenten und Clown Johannes Galli. Noch bis 7. August veranstaltet das Theater, dessen Motto „Im Spiel ist der Mensch wirklich“ lautet, in den Höfen ein Open-Air-Sommerfestival, bei dem für Kinder „Die kleine Seejungfrau“ und für Erwachsene die Komödie „Männerschlussverkauf“ gezeigt werden, ab 3. August zusätzlich die „7 Typen Show“. Etwas weiter entfernt, im Naturpark Schöneberger Südgelände, führt die 2009 von dem Italiener Alberto Fortuzzi und dem Australier Matthew Burton gegründete Commedia-dell’Arte-Truppe „Lazzo Mortale“ von Freitag bis Sonntag das Stück „George Dandin oder Der verwirrte Ehemann“ auf – ebenfalls von Molière.

Theater in neuer Form – aber auch unter freiem Himmel – bietet sonnabends „Textouren“ an: Führungen durchs Regierungsviertel, die zugleich inszenierte Politkrimis sind. An ausgesuchten Stationen führen Schauspieler Szenen auf. Das Stück zur Tour heißt „Der Fall Mauer“. Trotz des Titels geht es nicht um den Mauerfall, vielmehr macht sich eine Journalistin auf die Suche nach einem Wissenschaftler namens Dr. Mauer, der eine brisante Entdeckung gemacht haben soll. Laut „Textouren“-Gründerin Magdalena Bössen, die das Konzept seit 2007 in Hamburg erfolgreich umsetzt, geht es um die ganz großen Fragen: Gesellschaft, Politik, Verantwortung, Zukunft. Billig ist die Tour mit 55 Euro nicht, dafür soll an diesem Wochenende Gesine Schwan mit von der Partie sein.

Und wer Lust auf Brandenburg hat: unbedingt nach Neuzelle fahren. Die Oper Oder-Spree führt dort noch bis Sonntag „Angiolina“ auf, eine Buffa-Oper des angeblichen Mozart-Widersachers Antonio Salieri. Die Premiere musste nach innen verlegt werden, aber bei schönem Wetter wird im Kreuzhof des Klosters gespielt, wo sich die Magie von Theater im Freien so richtig entfalten kann.

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