Berlin : Hinab in die Unterwelt

Dietmar Arnold und Reiner Janick kennen sich im Bauch von Berlin besser aus als jeder andere Ihre spannendste Exkursion ist der Abstieg in den einstigen Flakbunker unter der Humboldthöhe

Christoph Stollowsky

Aus Rissen in der Decke wachsen fingerdicke Stalaktiten. Der Strahl der Taschenlampe verliert sich in den Abgründen von Treppenhäusern. Rechts führt ein Pfad abwärts durch Grotten wie in einer Tropfsteinhöhle. Irgendwo gluckst Wasser, die Brille beschlägt, man fröstelt im Inneren dieses Monstrums, obwohl draußen die Hitze flirrt: Dietmar Arnold und Reiner Janick steigen hinter drei Meter dicken Mauern hinab in die Unterwelt. Warme Jacken und feste Schuhe haben sie an, und nichts kann die zwei nun aufhalten: keine Eisenleiter, die im Dunkeln endet, keine Rutschpartie am Schotterhang. Für Arnold und Janick ist diese Wanderung durch den einstigen Flakbunker im Weddinger Humboldthain noch immer eines der größten Abenteuer ihres Lebens – und eine der spannendsten Touren, die man in Berlin erleben kann.

Obwohl sie hier schon als Jugendliche teils auf halsbrecherische Weise hinunterkletterten. Das war in den späten Siebziger Jahren. Damals war der einst vierzig Meter hohe bombensichere Bunkerturm, auf dessen oberster Plattform Flakgeschütze in den Nachthimmel bellten, schon längst nicht mehr zu sehen. Man hatte ihn versteckt unter der Humboldthöhe, die in den Nachkriegsjahren aus Trümmern um ihn herum aufgeschüttet wurde.

Also buddelten sie nachts heimlich Stollen in den Trümmerberg zur Außenwand des Bunkers, zwängten sich durch Risse ins Innere und drangen mit Kletterseilen und Petroleumlampen ins zappendustere Labyrinth vor.

Heute sind beide Mitte Vierzig und gelten als Experten für den „Bauch von Berlin“. So nennt man die unterirdische Stadt unter der Stadt. In diese Dunkelzone sind Dietmar Arnold und Reiner Janick weiter als jeder andere vorgedrungen: in Brauereigewölbe, aufgegebene U-Bahntunnel oder eben in die vielen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Systematisch erforschten sie solche Anlagen und begannen mit Führungen. „Wie Archäologen des 20. Jahrhunderts“, sagt Arnold.

Behende klettert er im Flakbunker zu einem geheimnisumwitterten Ort. Grundwasser hat sich am Boden gesammelt, kristallklar. „Das ist unser Bergsee“, freut er sich, und sein Kompagnon springt ebenso drahtig über Gesteinsbrocken hinterher. „Anfangs“, erinnert sich Reiner Janick, „dachten viele, wir spinnen. Betonromantiker wurden wir genannt.“ Aber dann gründeten sie 1997 den „Verein Berliner Unterwelten e.V.“ – ein Wendepunkt. Denn nun wurden sie durch ihr Engagement auch von den Behörden mehr und mehr ernst genommen. Inzwischen ist aus dem Verein ein kleines Unternehmen mit 14 Mitarbeitern geworden, rund 60 000 Berliner und Touristen ließen sich 2005 auf verschiedensten Wegen von ihnen in die Unterwelt führen.

Das neueste und größte Projekt des Vereins ist der Flakbunker im Humboldthain. 1988 hatte der Bezirk alle illegalen Zugänge dicht gemacht. Zwölf Jahre lang kam keine Menschenseele mehr hinunter. Dann erreichten Arnold und Janick ihr großes Ziel: Die Behörden überließen ihnen den Bunker. Mit ihrem Team schufen sie in der oberstern Etage am Gipfel der Humboldthöhe einen Eingang, schaufelten Schutt aus den Gängen, sicherten Pfade und Leitern acht Stockwerke hinab und illuminierten alles mit Scheinwerfern.

Jetzt kennen sie ihr Labyrinth wie andere Leute ihr Treppenhaus. Aber die Faszination ist geblieben. Warum treibt es einen Menschen in die dunkelsten Ecken Berlins? „Es ist die Magie des Bizarren, des Unergründlichen“, sagt Dietmar Arnold. Das hat ihn schon als Kind begeistert – als er im Keller die Kohlen holen musste.

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