Berlin : Hinter den Kulissen: Aus der Berliner Politszene

Brigitte Grunert

Dienstagfrüh war die Welt noch in Ordnung. Abends kam es manchem so vor, als sei das eine halbe Ewigkeit her. Wichtigkeiten waren auf einmal Nichtigkeiten. Vormittags sprach man im Senat wie üblich übers liebe Geld und auch über die Entrümpelung des Hundesteuergesetzes von bürokratischem Gestrüpp. Heiter sah man den Regierenden Bürgermeister, diesen passionierten Nichtraucher, von dannen ziehen; er musste vorzeitig weg. So durfte Bürgermeister Wolfgang Wieland (Grüne) die Sitzung bis zum Ende leiten, und erleichtert packten Adrienne Goehler, Gabriele Schöttler und Peter Strieder ihre Zigaretten aus, das heißt Frau Schöttler ihre Zigarillos. Wieland witzelte: "Es ist aber nicht etwa so, dass jetzt ein Rauchzwang besteht." Der Chef der Senatskanzlei, Andre Schmitz, machte seinem Ruf als Ästhet Ehre. "Bitte nicht auf den Teppichboden aschen", mahnte er, und organisierte drei Aschbecher. Abends wusste er, was eine Katastrophe ist.

Mit versteinerten Mienen saßen um 18 Uhr alle wieder um den leer gefegten Senatstisch herum. Kein Kaffee, kein Wasser, keine Akten. Der Regierende hatte sogar das Blumengesteck entfernen lassen, auch eine symbolische Geste düsterer Trauer in fassungslosem Entsetzen. Die Sondersitzung galt der Klarstellung der höchsten Sicherheitsstufe, die Vorkehrungen dafür waren schon im Gange. Polizeipräsident Hagen Saberschinsky, Feuerwehr-Chef Albrecht Broemme, Verfassungsschutz-Präsidentin Claudia Schmidt und ein Vertreter der Krankenhäuser waren auch dabei. Es war eine kurze halbe Stunde knapper, konzentrierter Beratungen. Peter Strieder war es, der am Ende als erster die Sprache wiederfand. "Ich bin bestürzt" - wie jeder hier", schluckte er: "Das ist eine Zäsur, die wir noch gar nicht begriffen haben, womöglich mit Folgen für den Weltfrieden." Man müsse etwas tun. Alle sahen ihn an. Wowereit soll ihm richtig dankbar gewesen sein für die Lösung der Starre. Sichtlich bewegt trat er dann mit dem zunächst noch verhaltenen Aufruf vor die Presse, Zeichen stillen Gedenkens zu setzen. Spontan machten sich die Grünen-Spitzen Sibyll-Anka Klotz und Regina Michalik mit Blumen und Kerzen auf zur amerikanischen Botschaft in Mitte, wo sich auch Harald Wolf und Carola Freundl von der PDS einfanden.

In die Fraktionssitzungen platzten die ersten Katastrophen-Meldungen. Wowereit las sie drei Mal, bevor er sie erfasste und den Seinen vorlas. Die SPD brach ihre Sitzung sofort ab. Die anderen tagten unter Schock weiter. Eberhard Diepgen hielt es nicht in der CDU-Fraktion. Er fuhr in sein Parteibüro, um zu überlegen, was zu tun sei. Ja, die CDU vergaß einen Moment ihre Verbitterung über den Machtwechsel. Frank Steffel rief den ins Rathaus geeilten Wowereit an, um ihn der Unterstützung in dieser Situation zu versichern. Der Regierende sprach dann aus, was allen ohne Verabredung klar war: "Der Wahlkampf ruht."

Vorbei war auch die Lust, das Parlament zur Wahlkampfbühne zu machen, und so wurde die Sitzung am Donnerstag zur kurzen, eindrucksvollen Trauerbekundung umfunktioniert. Einige Abgeordnete der CDU wie die Zehlendorfer Michael Braun, Uwe Lehmann-Brauns und Stefan Schlede erschienen mit einem Trauerflor am Ärmel. Man begrüßte sich nicht locker wie sonst, sondern halblaut und knapp, keine Statements in der Wandelhalle, keiner benahm sich daneben. Selbst der einhellige Applaus zu den Reden des Parlamentspräsidenten und des Regierenden, die für alle sprachen, klang anders als sonst - gedämpft.

Und was taten sie in den Wahlkampfzentralen, da der Wahlkampf bis morgen ausgesetzt ist? Sie mussten umplanen, sämtliche Termine absagen, Einladungen zurückzuziehen. "Und der Wahlkampf wird leiser werden", prognostizierte einer. "Stoppen ist manchmal genauso aufwendig wie initiieren", meinte CDU-Landesgeschäftsführer Matthias Wambach. Na ja, die Union stoppte nicht nur, sie klebte Solidaritätsbekundungen mit den USA auf Steffel-Großplakate. Manche suchen und finden eben ihre Wahlkampf-Nische. Selbstverständlich ließ Wowereit keinen Regierungstermin aus; alles andere wurde gestrichen.

Hilflosigkeit und "diffuse Ängste" (Wambach) herrschen in den Parteien und Fraktionen. Nur das eine Thema interessiert, überall laufen die Fernseher. "Man muss abwarten, man weiß ja buchstäblich nicht, was kommt", meint Joachim Günther von der SPD-Wahlkampfzentrale, den man als Spaßvogel nicht wiedererkennt. SPD-Fraktionssprecher Hans-Peter Stadtmüller gab zu: "Wir haben jetzt natürlich etwas weniger zu tun, die übliche Tageshektik findet vorübergehend nicht statt. Aber dabei geht es uns schlecht." Und noch etwas: "Wir beteiligen uns nicht am Erklärungsinflationismus."

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