Berlin : Hinter den Kulissen: Eberhard Diepgen ist unterwegs nach Budapest

Brigitte Grunert

Im August war er in Danzig, im September rasch mal in Malaysia und Singapur und zur Belebung der Partnerschaft mit Taschkent in Usbekistan. Jetzt machte sich Eberhard Diepgen für zwei Tage auf in die Partnerstadt Budapest. Am Montag fliegt er zur Begründung der neuesten Städtefreundschaft nach London, und im November ist er in Wien. Alles mit Wirtschaftsdelegationen, alles so fix mit einem dichtgedrängten Programm, dass Diepgens Umgebung allerhand Stress gewohnt ist, wie Senatssprecher Michael-Andreas Butz weiß. Aber mit dem Start zum Rückflug von Taschkent nachts um drei wurden alle Dimensionen gesprengt. Da gab es vorher keine Minute Schlaf. Dauernd wurde in den Zimmern telefonisch nach den Koffern gefragt.

Also, Diepgen schafft es spielend in vier, fünf Wochen um die Welt und ist zwischendurch noch oft genug im Roten Rathaus. Bei dieser Reiselust wird schon gefrotzelt, ob der langjährige Regierende die Serie seiner Abschiedsbesuche begonnen hat. "Ach Quatsch", sagt Butz lachend, vergisst aber vorsichtshalber den Ernst nicht: "Am Dienstag ist die letzte Berliner Wahl gerade ein Jahr her." Richtig, bis zur nächsten ist noch vier Jahre Zeit, in denen viel passieren kann. Und Butz weiß: "Diepgen ist der populärste Politiker Berlins. Wieso soll er sich Gedanken machen? Im Jahr 2003 wird er schon sagen, ob er noch einmal antritt." Also vorläufig reist er sozusagen als oberster Acquisiteur der Stadt.

Warum nur machen sich alle Parteien bereits jetzt Gedanken über eine zur Abwechslung andere Senatskonstellation nach der Wahl 2004? Alle sind in Bewegung wie auf der Flucht vor der ewigen Großen Koalition. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Die Grünen, ohnehin nicht in Bestform, werden schon ganz unruhig. "Wir dürfen nicht zwischen die Mühlsteine geraten", sagt ihr Fraktionssprecher Matthias Tang. Der Sinn steht ihnen gar nicht nach Schwarz-Grün, aber Finanzsenator Peter Kurth wächst und wächst als Diepgens CDU-Schattenmann; er umwirbt die Grünen so unauffällig nett. Und die rot-roten Dialogversuche zwischen SPD und PDS machen die Grünen auch nervös. Wer beschwört schon noch wie früher die rot-grüne Wiederauferstehung?

Klar ist die CDU vergrätzt über den Auftritt des einstigen rot-grünen Regierenden Walter Momper bei der PDS. Ausgerechnet am Tag der Einheit ein zahmer Talk Mompers beim "Einheizmarkt" der PDS auf dem Alex mit der Parteichefin Petra Pau. Passend zum Motto "Baustelle D" (D wie Deutschland) verehrte sie Momper einen knallroten Bauarbeiterhelm und Overall. Der bedankte sich nett: "Ich hatte noch nie einen so schönen Helm." Und dann meinte er: "Schade, wäre es kälter, wäre ich mit meinem roten Schal gekommen". Umstehende meinten, er hätte der netten Frau Pau das gute Stück seligen Angedenkens aus der Wendezeit glatt als Gegengabe überreicht.

Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Bei aller politischen Härte darf man ja wohl noch Mensch bleiben. Klaus Wowereit ist ein glänzender Gastgeber. Und diese Gabe nutzt der SPD-Fraktionschef durchaus zum Werben um Bundesgenossen. Anlässlich seines 47. Geburtstages empfing er am Montag politische Gratulanten mit einem kleinen, aber feinen kalten Buffet in der Fraktion. CDU-Kollege Klaus Landowsky ließ sich nicht sehen, machte nichts bei einem unrunden Geburtstag. Eines hat sich Wowereit vorgenommen: mindestens alle zwei Wochen einen rein privaten Sonnabend oder Sonntag. Ob ihm das gelingt? Sein Stellvertreter Christian Gaebler bestärkte ihn. Er schenkte ihm einen - Liegestuhl.

Wie man sich so trifft. Donnerstagabend saß Bürgermeister und Innensenator Eckart Werthebach mit Journalisten im Hinterzimmer eines Kreuzberger Restaurants beim Hintergrundgespräch, der Verein Berliner Parlamentsberichterstatter war Gastgeber. Da schneite zu später Stunde sein Staatssekretär Rüdiger Jakesch herein. Alles wunderte sich, denn nur der Senator war eingeladen. Jakesch war gerade nebenan aus seiner "Chorkneipe" gekommen (er singt in einem Chor), hatte Werthebachs Dienstwagen gesichtet und wollte nur mal nachsehen, was los ist. Er zog sich aber diskret rasch wieder zurück.

Ohne kleine Freuden ist alles nichts. Andreas Schulze, Chef der Grünen, genießt sie mindestens so gern wie Wowereit. Und weil Schulze ein Fußball-Fan ist, fährt er am Wochenende mit seiner Frau zum Länderspiel Deutschland-England nach London. Was hat er nicht alles dafür getan! Um die begehrten Karten zu ergattern, traf er langfristige strategische Vorbereitungen. Nun ist er glücklich, das traditionsreiche Wembley-Stadion zu erleben. Das hatte er sich als Ossi zu Mauerzeiten immer gewünscht, jetzt erwischt er die letzte Gelegenheit. Das Stadion verschwindet. Nach Schulze kommt die Abrissbirne.

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