Berlin : Hinter den Kulissen: Reisen der Politiker

Brigitte Grunert

Wahlkampfträchtig rollen immerfort drei CDU-Autos mit aufmontierten Großplakaten durch die Stadt, von denen der Spitzenkandidat und seine Ehefrau im Freikzeitlook grüßen: "Ab durch die Mitte. Katja und Frank Steffel wünschen schöne Ferien." Na fein, die Realität ist anders. Gestern machten sich Steffels zwar tatsächlich davon, aber "bloß für ein paar Tage in Bayern wandern und Edmund Stoiber treffen", weiß man in der CDU-Wahlkampfzentrale.

Sommerfrische? Die meisten Politiker leisten sie sich diesmal "nur für ein paar Tage", wie es stereotyp heißt. Nur der konsequente Klaus Böger gönnt sich wie jeden Sommer seinen Sylt-Urlaub. Senatorin Gabriele Schöttler macht mit der ihr eigenen Raffinesse "Proforma-Urlaub", wie sie es nennt. So fünf Wochen ist sie montags und dienstags wegen der Senatssitzung im Amt, ansonsten zu Hause oder auf ihrer Datsche in Zehdenick. Ganz spartanisch aber lebt Finanzsenatorin Christiane Krajewski. Sie nimmt ihre unverhoffte Dienstverpflichtung während eines Berlin-Ausfluges mit der Mutter Mitte Juni so ernst, dass sie bis zur Wahl nichts als ihr Amt kennt. Nicht mal joggen kann sie zum Ausgleich, denn sie laboriert an einem Bänderabriss am linken Fuß, den sie aus Saarbrücken mitgebracht hat. Damals war sie vor dem Abflug unglücklich gestolpert.

Auch Abgeordnete trauen sich kaum weg. Gerade mal drei Tage konnte Anja Hertel (SPD) sich auf Sylt sonnen. Wegen der Feriensitzung des Untersuchungsausschusses in Sachen Bankgesellschaft am Donnerstag musste sie zurück. Da schrieb sie ihre Urlaubskarten von der Nordsee nachträglich - sehr zum Amüsement ihrer Kollegen in einer Sitzungspause.

Na klar, der "Übergangssenat" denkt fröhlich "über den Wahltag hinaus". Deshalb ging er letzten Sonnabend in Klausur. Da sich Klaus Wowereit die Grünen irgendwie als Vegetarier vorstellt, ließ er rücksichtsvoll zum Mittagessen fleischarme Kost servieren. Nur Peter Strieder echauffierte sich über irgendeine Idee der quirligen Kulturstaatssekretärin Alice Ströver (Grüne). Spitz nannte er sie die "Generalsekretärin der Grünen". Da griff die Senatorin Adrienne Göhler ein: "Ich verwahre mich gegen diese Bezeichnung für meine Staatsrätin." Das löste nun gleich wieder Heiterkeit aus. Frau Göhler und der Senatskanzleichef André Schmitz stammen aus Hamburg und können sich nicht an den Titel Staatssekretär gewöhnen; in Hamburg ist es eben der Staatsrat.

Türkischstämmige Parlamentskandidaten drängeln sich im Wahlkreis drei in Kreuzberg. 1999 hatte Özcan Mutlu von den Grünen den Wahlkreis gewonnen. Nun macht ihm Mehmet Daimagüler vom Bundesvorstand der FDP dort Konkurrenz. "Na ja, privat verstehen wir uns gut, aber ich wette eine Flasche Chamgagner, dass Mutlu den diesmal nicht wieder kriegt", meint Daimagüler, der sich aber auch höchstens Chancen als Spitzenkandidat auf der FDP-Bezirksliste Friedrichshain-Kreuzberg ausrechnet. "Wenn ich ehrlich bin, tippe ich darauf, dass die SPD den Wahlkreis holt." Na, hoffentlich freut sich nun der neue SPD-Kandidat Stefan Zackenfels nicht zu früh.

Improvisation ist in der "Übergangszeit" nötig. Man weiß ja nicht, was nach dem Wahltag kommt. So hat SPD-Fraktionschef Michael Müller vorübergehend einen guten Freund und Juristen namens Felix Clauss (27) als Mitarbeiter engagiert. Der wurde aber plötzlich schwer krank, so dass Fraktionssprecher Hans-Peter Stadtmüller um seine Toskana-Reise bangte. Doch er durfte reisen, solidarisch sprang der stellvertretende Fraktionschef Christian Gaebler als Presse-Betreuer ein. Frank Steffel improvisiert nicht. Christina Uhl heißt seine neue Pressesprecherin. Die 27-jährige Juristin war bisher Büroleiterin der CDU-Bundestagsabgeordneten Ilse Eigner und wird zum 6. August Nachfolgerin von Markus Kauffmann. Der Vertraute des Steffel-Vorgängers Klaus Landowsky wird dann im Hintergrund Steffels Öffentlichkeitsarbeit organisieren.

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