Berlin : HINTER DEN KULISSEN

Zwei Grüne singen, eine Senatorin dankt und ein Fraktionschef grollt

Wie beim Internet vollzieht sich auch bei der grünen Partei eine rasante Entwicklung. Kein grüner Abgeordneter käme noch auf die Idee, sich Wollsockenstrickenderweise ins Plenum des Preußischen Landtags zu setzen. Auch vom frühen Technikhorror ist nichts mehr übrig. Jetzt haben zwei Parlamentarier bewiesen, dass sie in Sachen elektronischer Kommunikation ganz vorne mit dabei sind. Michael Schäfer und Andreas Otto schickten der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer eine selbst gefertigte Videobotschaft zum Geburtstag. „Viel Glück und viel Segen auf allen Radwegen“ wünschten ihr die beiden Umweltfachmänner der Fraktion auf der leicht verwackelten Aufnahme im durchaus gekonnten Duett“. Zugestellt wurde der Gruß als E-mail, adressiert an die Senatorin höchstselbst. Das Produkt ist ohne Frage youtube-fähig. Die Senatorin mailte laut grüner Pressestelle zurück: „Das war wunderbar!!!!!!“ Sechs Ausrufezeichen – ein ebenso seltener wie brachialer Temperamentsausbruch.

Der Grüne Özcan Mutlu spielt sich jetzt selbst – im Theater. Das für seinen scharfen Ideen bekannte Hebbel am Ufer brachte am gestrigen Freitag Abend das Stück „Klassentreffen – Die zweite Generation“ auf die Bühne. Darin geht es um sechs Inländer mit Migrationshintergrund. Mutlu, der in Kreuzberg aufgewachsen ist, erzählt aus dem Leben und von den Erfahrungen eines Politikers. Die Theateraufführung, die mindestens fünfmal zu sehen sein soll, sei „harte Arbeit“, sagt Mutlu. Vergnügen hat es ihm offenbar auch gemacht, sonst hätten wohl kaum fünf Wochen gereicht, um das Stück zu proben. Schon vor der Premiere sah Mutlu einen Mythos widerlegt – den, dass „Politiker gute Schauspieler seien“. Viel wichtiger für die Karriere dürfte sein, dass einer ein leidenschaftlicher Spieler ist.

Außerdem braucht, wer etwas erreichen will, eine hohes Ärgerpotenzial – die Bereitschaft, sich aufzuregen, das Gegenteil von Gelassenheit. Im April erregte sich FDP-Fraktionschef Martin Lindner in der „B.Z.“ über die merkwürdig eindimensionale Aufgabenstellung der Ordnungsämter. Dessen Mitarbeiter erschöpfen sich vollständig im Knöllchenschreiben. Lindner regte an, die Leute vom Ordnungsamt sollten sich mal zwei Wochen um die Verschönerung des Stadt kümmern. Gemeint war ein ordnungsamtlicher Erstschlag gegen Leute, die ihre sich entleerenden Hunde nicht unter Kontrolle haben. Jetzt, im Oktober, bekam der Liberale Post vom Bezirksstadtrat Oliver Schworck aus Tempelhof-Schöneberg. Er beklagte Lindners „leichtfertige Statements“: Sie hätten verärgerte Falschparker dazu ermuntert, verbal auf die knöllchenschreibenden Ordnungsamtsleute loszugehen. Er biete Lindner an, „im Außendienst zu hospitieren“. Lindner keilte zurück und schickte eine lange Liste von – aus seiner Sicht – falsch verstandenen ordnungsamtlichen Bemühungen, „kleinteilige und bevormundende Vorschriften“ durchzusetzen. Ein Ausrufezeichengewitter.

Der Weg der Wissenschaft ist steinig und gefährlich. Bei der Grundsteinlegung für ein Forschungsgebäude des Max-Delbrück-Centrums in Buch fiel dem Wissenschafts-Staatssekretär

Hans- Gerhard Husung

am Mittwoch der Grundstein auf die Füße. Husung bliebt ziemlich unverletzt. Der seltsame Vorgang muss noch in allen Einzelheiten erforscht werden. wvb.

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