Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Aus Oberfranken kam die wegen ihrer Hässlichkeit verschmähte Weihnachtstanne am Breitscheidplatz. Ach du heiliger Bimbam, der Regierungspräsident von Oberfranken beeilte sich, für seine bayerische Region Ehre einzulegen. Im vollen Verständnis für den "Unmut" schrieb er dem "sehr geehrten Herrn Regierenden Bürgermeister" einen Brief, in dem er "Wiedergutmachtung" verhieß: "Wir Oberfranken werden Berlin im nächsten Jahr einen wunderbaren Weihnachtsbaum als Geschenk zukommen lassen." Er lud Eberhard Diepgen sogar ein, "im Sommer den Baum selbst auszusuchen", einen unter lauter Prachtexemplaren. Und noch ein Angebot: Zusammen mit Berlin könne man einen "echt oberfränkischen Weihnachtsmarkt" ausrichten.

Irritiert eröffnete Bürgermeister Böger am Dienstag die Senatssitzung; Pfannkuchen und Croissants waren aufgetischt. Lächelnd erläuterte der andere Bürgermeister, Eckart Werthebach, dass er eine Last loswerden musste: "Gestern war die Bäckerinnung bei mir. Das Mitbringsel sehen Sie vor sich, greifen Sie zu." Nun hatten auch Senatoren schon viel Ärger mit den strengen Regeln wider die Vorteilsannahme. Klaus Böger nicht ganz ernst: Ja, dürfen wir das überhaupt annnehmen?" Ein Küchlein ist kein Küchlein. SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit biss als erster zu: "Ich habe volles Vertrauen in die Bäckerinnung!" Als Diepgen mit großer Verspätung erschien, bekam er auch noch etwas ab.

Das Wohl der Stadt bringt sie noch um. Von Mittwochfrüh 10 Uhr bis Donnerstagfrüh vier Uhr tagte der Hauptausschuss durch; dann stand der Haushalt 2001. PDS-Fraktionschef Harald Wolf musste hinterher gleich verreisen - Treffen der Landes- und Fraktionschefs der PDS im Thüringer Wald, dann bis Sonntag Klausur des Berliner PDS-Vorstandes im Spreewald. Ehrensache, dass er sich heute zwischendurch bei der Gegendemo gegen den NPD-Aufmarsch blicken lässt. "Ein Höllenstress", stöhnt er: "An diesem Halbtagsparlament ist halbtags nur noch die Bezahlung!" Na, na, man könnte ja auch an Arbeitsökonomie denken. Wozu hat Wolf seine Mitchefin Carola Freundl? Es gibt eben Parlamentarier, die trotz kurzer Wege im Stadtstaat Berlin aufs Ganztagsparlament aus sind - mit mehr Geld natürlich.

Klaus Wowereit hatte als Gastgeber der SPD-Fraktionsvorsitzendenkonferenz mit dem Auftaktabend zu tun. Deshalb musste ihn sein Fraktionsvize Christian Gaebler in der langen Nacht im Hauptausschuss vertreten. Aber der musste sich nach einem langen Tag erst mal bei seinem Hobby erholen. Tenor Gaebler singt im Kirchenchor der Charlottenburger Trinitatis-Gemeinde, und um nichts in der Welt lässt er einen Übungsabend aus. Gegen 22 Uhr 30 erschien Gaebler bepackt mit SPD-Proviant bei den Haushältern. Wurst, Käse, Obst, Erdnüsse, Gummibärchen, Studentenfutter: "Ich habe so für 80, 90 Mark eingekauft, aber die haben gleich eine Umlage gemacht." Gut, andere durften auch mal vom üppigen Picknick picken. Am meisten profitierte die PDS, weil sie gleich links neben der SPD ihre Plätze hat. CDU-Leute konnten höchstens im Vorbeigehen naschen wie Finanzsenator Peter Kurth und CDU-Wortführer Alexander Kaczmarek. Komplimente für Gaebler: "Du kannst Wowereit hier öfter mal vertreten!"

Der SPD-Parteitag debattierte mit heißem Herzen über den Rechtsextremismus, und darüber wurde eine ganz praktische Geste vergessen. Das fiel bei der Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee für die NS-Opfer anläßlich des Volkstrauertages unangenehm auf. Der Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte dazu die Fraktionschefs eingeladen, Vorsitzender ist Parlamentspräsident Reinhard Führer (CDU). Nur von der SPD kam nichts und niemand. Ach, Wowereit wollte ja einen Kranz schicken, nur vergaß man im Fraktionsbüro seinen Auftrag. Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland aber erlebte eine Zitterpartie. Erst nach längerer Suche fand er seinen Kranz - abgelegt an der falschen Stelle.

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