Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Über alles, aber auch alles in der Berliner SPD ist der Kanzler bestens informiert. Gerhard Schröder will ihr ja helfen, die schwierige Wahl zu bestehen - auch um der eigenen Machtsicherung willen. Vor Beginn des Landesparteitages am Sonntag versammelten sich der Bundeschef Schröder, der Regierende Klaus Wowereit, Landeschef Peter Strieder und Fraktionschef Michael Müller. "Hallo, Michael, alles okay?", grüßte Schröder. Müller nickte lächelnd, und Schröder frotzelte lachend: "Aber mit deiner Oma hast du noch ein Problem, musste dich mal drum kümmern." Alle waren baff über das Kanzler-Wissen. Die Oma, die demnächst 80 wird, erzählt immer, dass sie in der CDU-Mittelstandsvereinigung mitmacht und für "Michas" politischen Weg überhaupt kein Verständnis hat.

Man merkt Parlamentspräsident Reinhard Führer (CDU) an, wie schwer ihm zurzeit die Rolle des Unparteiischen fällt. Die Pflicht drückte ihn auch sichtlich, als er am 16. Juni die Abstimmungsprozedur im Abgeordnetenhaus leitete, also die Abwahl von Eberhard Diepgen, die Wahl und Vereidigung des rot-grünen Minderheitssenats. Natürlich hofft er, dass die CDU auch nach der Wahl stärkste Partei und er Parlamentspräsident bleibt, dass Frank Steffel Regierender wird. Der 55-jährige Führer gehört nach 26 Parlamentsjahren zum "alten Eisen". Da hat er in seinem Heimatkreisverband einen Deal mit dem stellvertretenden Fraktionschef Alexander Kaczmarek gemacht. Er überlässt Kaczmarek seinen bombensicheren Wahlkreis und begnügt sich mit einem guten Listenplatz. Er ahnt ja sorgenvoll, dass die CDU-Bäume nicht in den Himmel wachsen. Um sein Listenmandat muss er nicht fürchten.

Langfristig plant der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Andreas Matthae. Bisher war der 32-Jährige Erzieher in einer Kindertagesstätte in Tiergarten. Nun will er "Arbeitsplätze schaffen", ungefähr 15. Nächste Woche eröffnet der Kreuzberger eine spanische Tapas-Bar am Oranienplatz - kleine spanische Gerichte. Die Selbstständigkeit hat einen tieferen Sinn. Er will in Friedrichshain-Kreuzberg nächstes Jahr für den Bundestag kandidieren. Dafür braucht er zeitlichen Spielraum, und den hätte er als Erzieher gar nicht.

Verzicht gibt es auch. Wenn die Grünen heute ihre Kandidatenliste komplettieren, wird einer sagen, dass er aus dem Startloch gesprungen ist: der Abgeordnete Burkhard Müller-Schoenau, Haushaltsexperte. Müller-Schoenau wird Anfang nächsten Jahres Vater. "Da sind garantiert Haushaltsberatungen, und die passen nicht mehr in meine Lebensplanung", flüsterte er Vertrauten. Er richtet sich auf eine Baby-Pause und dann auf einen geregelten Berufsalltag ein.

Als Tolerierungspartner verhält sich die PDS sehr diszipliniert und zuverlässig. Doch das versteht sie nur als Morgengabe an die SPD für eine künftige Koalition. Notfalls, sagt Grünen-Spitzenkandidatin Sibyll-Anka Klotz, mit der PDS, wenn es für Rot-Grün nicht reicht. Notfalls, sagt auch Wowereit: "Wir streben das nicht an." Da fuhr PDS-Fraktionschef Harald Wolf eine gepanzerte Retourkutsche auf: "Ich will etwas Vernünftiges, und das ist Rot-Rot!" Davor graust es vielen. "Es war ja nur eine Demonstration des Selbstbewusstseins", meint PDS-Fraktionssprecher Günter Kolodziej. Na eben.

Wer lässt sich nicht gern den schweren Wahlkampf versüßen? Der aus Wien stammende CDU-Fraktionssprecher Markus Kauffmann mit seinen guten Kontakten zur ÖVP sorgte dafür, dass der Berliner Steffel den Wiener Steffel aus Zuckerwerk bekam. Matthias Tschirf, ÖVP-Fraktionschef im Wiener Landtag, rückte mit einem Modell des Stephansdoms aus der berühmten Konditorei Demel an und wünschte guten Appetit. "Nein, das kann ich nicht essen", meinte Steffel. Nun steht das Ding in seinem Fraktionsbüro und bröckelt oder verstaubt. Kauffmann aber schwärmt von der Filigranarbeit; drei Zuckerbäcker brauchten 20 Stunden dafür. Und noch etwas: "Mein Vater hat doch die Orgel für den Stephansdom gebaut, eine der weltgrößten, 1961, im Jahr des Mauerbaus."

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