Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nach den Strapazen des Wahlkampfes hatte Peter Strieder endlich Zeit, bei seiner Zahnärztin sein Mundwerk aufzureißen. Da alles über die Koalitionsvarianten Rot-Rot, Rot-Grün-Gelb oder vielleicht Rot-Rot-Grün orakelt, fühlte sie dem Parteichef und Senator rigoros auf den Sondierungszahn. "Bitte mal recht weit auf!", sprach sie und griff mit einer Drohgebärde nach dem Bohrer: "So. Wollen Sie nun mit der PDS oder FDP?" Ja doch, Strieder weiß, dass seine Zahnärztin vor 21 Jahren aus der DDR geflüchtet ist. Er ließ sich aber nicht anbohren: "Ich kann nichts antworten, ich muss ja den Mund offen halten."

Typisch für den kommunikativen Schweiger Klaus Wowereit, dass sich ein Halbsatz von ihm bis Toronto herumgesprochen hat. Er merkte es, als die Generalgouverneurin von Kanada, Adrienne Clarkson, anlässlich ihres Staatsbesuches ihre Aufwartung im Roten Rathaus zur Eintragung ins Goldene Buch machte. Am Ende ihrer Ansprache gratulierte sie dem Gastgeber auf Englisch "herzlich zu Ihrer Wiederwahl". Auf Deutsch schob sie unter großer Heiterkeit nach: "Und das ist gut so." Da ließ der Regierende rasch zwei aus dem SPD-Wahlkampf übrig gebliebene blaue T-Shirts mit seinem Namen und dem Ausspruch kommen, die er dem Ehepaar Clarkson beim Lunch verehrte.

Glück und Glas, wie leicht bricht das. Doppeltes Pech hatte Camilla Werner von den Grünen am Wahlabend. Anhand der Prognosen durch Wählernachfragen, die sich unter Politikern schon vor 18 Uhr herumsprechen, wussten die Grünen, dass sie leicht verloren haben. Es war zehn Minuten vor sechs, als Camilla Werner mit ungutem Gefühl zur Wahlparty ihrer Fraktion hastete. Sie stürzte unglücklich auf der Treppe im Preußischen Landtag. Ein Krankenwagen musste her, der sie unter höllischen Schmerzen abtransportierte. Es war zwar kein Beinbruch, aber immerhin eine böse Sehnenzerrung und ein "Riesenhämatom". Und dann verlor sie ihr Parlamentsmandat. Frau Werner hatte auf Platz 17 kandidiert; es reichte nur für 14 Grüne.

Nicht sehr viel Zeit hatten Wowereit, Strieder und SPD-Fraktionschef Michael Müller für die erste Sondierungsrunde mit den PDS-Größen Gregor Gysi, Petra Pau und Harald Wolf am Dienstagabend im Roten Rathaus - Termindruck. Das PDS-Trio wollte aber noch unter sich beratschlagen. Bitte sehr, der Regierende stellte sein Vorzimmer zur Verfügung. Anderntags beim Empfang für Adrienne Clarkson meinte er flachsend zu Wolf: "Ich habe mir direkt Sorgen gemacht, dass die PDS meine Büros besetzt." Darauf Wolf, der nie locker scherzen kann: "Das ist nicht unsere Art. Jedenfalls nicht vor Abschluss der Sondierungen."

Immer, wenn Eberhard Diepgen Erholung braucht oder Schlimmes verkraften muss, meldet er sich für ein paar Tage in sein Haus in der Heide ab. Das tat er auch gestern, körperlich und seelisch sehr erkältet nach dem CDU-Wahlschock. Punktgenau fiel die Union auf ihr Berliner Ergebnis der Bundestagswahl 1998 zurück: 23,7 Prozent. Dem Parteichef und gewesenen Regierenden fiel es auf. Tröstet es ihn? Nein, damals schwor die CDU Rache an der SPD, und jetzt erst recht; 2002 ist Bundestagswahl. Aber das ist nicht mehr Diepgens Aufgabe: "Ich bin kein Oppositionspolitiker im klassischen Sinne, nach 16 Jahren im Amt."

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