Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Die Kleinsten wollen die Größten sein. Forderungen über Forderungen für die Koalitionsgespräche mit SPD und FDP schwemmte die Grünen-Basis in ihre Landesdelegiertenversammlung am Mittwoch. Da nun Verhandlungsspielraum sein muss, wurden manche wieder eingesammelt. Der Abgeordnete Jochen Esser half wirkungsvoll nach, indem er die Debatte über Senatsposten karikierte: "Wenn ich mir überlege, was hier alles durch den Raum geistert, wollen wir das Kulturressort, das Innen-, das Justizressort, Stadtentwicklung, Soziales und eventuell das Schulressort. Dafür haben wir aber mindestens 20 Prozent Wählerstimmen zu wenig bekommen. Falls die heute jemand liefert, kommen wir der Sache näher."

Schon letzten Sonntag trafen sich Klaus Wowereit und die SPD-Senatoren, um ihre Marschroute für die Koalitionsverhandlungen zu besprechen. Es gab viel zu kauen. Peter Strieder schleppte aus seiner Gartenidylle bei Neuruppin größere Mengen Äpfel an. "Total ökologisch", pries er sie modisch. Ländlich frisch, duftend, aromatisch - alles knautschte Äppel, kein Griebsch blieb zurück, märkisch-berlinisch gesagt. Parteisprecherin Anja Sprogies zog mit einem Korb, Senatssprecher Helmut Lölhöffel mit vollgestopften Jackentaschen von dannen. Zu Hause entdeckten Lölhöffels die wahre Offenbarung: klein geschnittene "Strieder-Äpfel" mit Zimt bepudert. Ihre Gäste sollen neulich "hingerissen" gewesen sein.

Zum Ärger der Grünen verstehen die Liberalen unter grüner Welle so etwas wie freie Fahrt für freie Bürger auf neuen Autobahnen. Grünen-Chefin Regina Michalik und ihre Begleiter beteten also dem FDP-Boss Günter Rexrodt und den Seinen ihr verkehrspolitisches Glaubensbekenntnis vor: "Modal split 80 zu 20." Darauf ein Liberaler süffisant: "Warum nicht gleich 90:10?" Das wäre den Grünen zwar noch lieber, aber sie lächelten nachsichtig. Sie hielten den Zuruf für den Beweis fehlender Sachkunde nach sechs Jahren Parlamentsferne. Na, na, die Formel - 80 Prozent öffentlicher Nahverkehr, 20 Prozent Autoverkehr - hat doch einen Bart. Bei der SPD wissen viele auch nicht mehr, dass ihnen das Ja zum Tiergarten-Tunnel leichter fiel, weil die Tunnel-Planung mit dieser Zielvorgabe garniert wurde.

Wer sich immerfort die Hacken für die Politik abläuft, muss auch mal schlendern dürfen. Neue Schuhe brauchte die Grünen-Fraktionschefin Sibyll-Anka Klotz. Letzten Sonnabend genoss sie den Einkaufsbummel über die Steglitzer Schloßstraße, fand auch die richtigen Schuhe. Doch die Freude war kurz, der Schrecken lang. An der Kasse merkte sie, dass ihr auf der Straße das Portemonnaie aus der Manteltasche geklaut worden war. Alles war futsch, Geld, Scheckkarte, Ausweis, Führerschein, Zulassung und so weiter. Deshalb will sie aber ihre Grünen nicht zu einer härteren Gangart in der inneren Sicherheit bewegen, nein doch. Frau Klotz tröstet sich über das Malheur, indem sie die Bürokratie auf den Kieker nimmt: "Ich kann jetzt testen, wie lange es bis zur Ausstellung neuer Papiere dauert."

Komplimentreich empfing der Regierende Bürgermeister dieser Tage den Präsidenten von Malta, Guido Marco, im Roten Rathaus. Beim Zeremoniell zur Eintragung in das Goldene Buch der Stadt im Wappensaal lobte Klaus Wowereit die Schönheit der Insel, fügte aber scherzend hinzu: "Allerdings ist Malta immer ein steiniges Terrain für unsere Fußball-Nationalmannschaft", wegen der meist unentschiedenen oder verlorenen Spiele. Herr Marco aber achtete nicht auf den "Stolperstein", denn er machte eine Entdeckung an den Fenstern mit den Bezirkswappen: "Ich blicke mit Freude auf die Glaswappen, ich sehe das maltesische Kreuz." Aha, das Neuköllner Wappen mit achtspitzigem Kreuz und Abendmahlskelch. Dieses Kreuz erinnert jedoch an den Johanniterorden, dem der Ort von 1312 bis 1435 gehörte. Der Kelch bezieht sich auf die böhmischen Glaubensflüchtlinge, denen der Soldatenkönig 1737 die Kolonie Böhmisch-Rixdorf spendierte.

Bis der Senat steht, hat die CDU Zeit, ihre Trauer auszuleben. Frohsinn kam nicht auf beim "festlichen Empfang", den Fraktionschef Frank Steffel im Festsaal des Abgeordnetenhauses für die alten und neuen CDU-Abgeordneten gab. Eberhard Diepgen, der nach 30, und Klaus Landowsky, der nach 26 Jahren ausgeschieden ist, waren auch da. Steffel dankte den beiden für ihre Lebensleistungen und allen für ihre Arbeit. Auch Diepgen sagte ein paar nette Worte. "Das waren keine politischen Ansprachen, das war was für einen Verein", erzählte einer hinterher. Am appetitlichen Bufett soll sich manchem vor Kummer der Magen umgedreht haben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar