Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Wie gut, dass es im Senatsgästehaus in Grunewald Logierbesuch gibt. Auf diese Weise wurde es vor einer größeren Katastrophe bewahrt. Als Finanzsenatorin Christiane Krajewski neulich nach Mitternacht abgekämpft ihre Bleibe erreichte, rann ihr Wasser entgegen. Im Foyer regnete es von der Decke auf die feinen Teppiche, auf der edlen Holztreppe rann es ihr entgegen, und oben auf dem Flur, an dem ihr Zimmer liegt, hatten sich bedenkliche Lachen gebildet. Frau Krajewski war sofort hellwach. Sie spurtete zu den Polizisten, die vor dem Grundstück Wache schoben, und schlug Alarm: "Schnell, schnell, die Feuerwehr!" Die wurde dank ihrer Weisung auch unter Umgehung der üblichen dienstrechtlichen Vorschriften gerufen und musste mächtig pumpen. Ein Überlaufrohr war geplatzt.

Bei der Rollenverteilung für die Parlamentssitzung am Donnerstag sprach der Regierende am Senatstisch: "Das macht der Sportsenator. - Und bitte mit olympischem Geist", rief er Klaus Böger aufmunternd zu. Klaus Wowereit wusste, wie schwer es Böger fiel, die Große Anfrage der CDU zur Olympia-Bewerbung mit dem zu beantworten und den Verzicht wegen Geldmangels zu begründen. Ausgerechnet er, der so für die Bewerbung war. Er quälte sich denn auch sichtlich mit seiner Parlamentsrede, hielt aber pflichttreu die rot-rote Linie ein.

Dafür attackierte CDU-Fraktionschef Frank Steffel tüchtig den Regierenden (Partymeister): "Ihre Kopfschmerzen sollten nicht vom Champagner, sondern von dringend nötigen Zukunftskonzepten herrühren." Nach seiner Rede verschwand Steffel. Lange war er für Wowereit sowieso Luft. Aber er ließ Steffel doch mit einem schönen Gruß bestellen, dass er nicht recht im Bilde sei: "Von Champagner kriegt man keine Kopfschmerzen. Und billigen Sekt trinke ich nicht - wenn überhaupt Alkohol." Der Bote war Matthias Wambach, Abgeordneter, Generalsekretär, Landesgeschäftsführer und Pressesprecher der CDU. Auf Wambach ist Verlass. Auch Steffels Fraktionssprecherin bekam sofort Bescheid.

Im Goldenen Buch von Berlin verewigen sich manche hohen Besucher nicht nur mit Namen, sondern auch mit Sprüchlein. Am Donnerstag war der bulgarische Ministerpräsident Simeon Sakskoburggotzki da. An seinem Namen erkennt man, dass er aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha stammt. Er unterhielt sich zwar mit dem Gastgeber Wowereit in fließendem Deutsch, doch in das Goldene Buch schrieb er in zierlicher kyrillischer Schreibschrift einen langen Text. Die 150 Ehrengäste im Wappensaal des Roten Rathauses erstarrten eine Minute in atemloser Stille. Wowereit und Parlamentspräsident Walter Momper sahen neugierig zu, denn er schrieb und schrieb. Kurz gesagt, lautet das Geheimnis: "Mit dem Wunsch für eine aufsteigende Entwicklung zwischen Bulgarien und Berlin."

Politiker sind keine Roboter. Letzten Sonnabend gerieten die Koalitionsverhandlungen ins Stocken, weil alles auf die Papiere der Fachgruppe Justizpolitik warten musste. Man tagte im Hause des Innensenators. Michail Nelken (PDS) hatte seinen Text zu Hause auf dem Computer geschrieben und wollte ihn am Tagungsort von der Diskette ausdrucken. Doch da merkte er, dass die Diskettenlaufwerke an den Computern der Innenverwaltung aus Sicherheitsgründen plombiert waren. Das konnte auch Senator Ehrhart Körting nicht ändern. Da radelte Nelken nach Hause und mailte den Text. So kompliziert ist die hochtechnisierte Welt.

Verschwunden ist Ernst Reuter. Bis vor wenigen Tagen stand die Reuter-Büste aus Bronze vor dem Louise-Schröder-Saal im Roten Rathaus, wo gewöhnlich die große rot-rote Runde der Koalitionsunterhändler tagt. Nun muss die PDS nicht mehr an ihm vorbei. So witzelten Rathaus-Bedienstete. Sie meinten, Wowereit habe der PDS den Gefallen getan, ihr den Anblick des großen antikommunistischen Freitheitskämpfers und Stadtoberhaupts nicht länger zuzumuten. Doch dann entdeckten sie die Büste, die in der dritten Etage versteckt stand, an prominenter Stelle in der Beletage wieder. Hohe Besucher und viele Ehrengäste defilieren nun daran vorbei. Also reiner Zufall, dass der Umzug der Skulptur in die Koalitionsgespräche fiel. Oder sagen wir, ein grotesker Zufall, leicht pikant.

Unverhofft kommt oft. SPD-Fraktionschef Michael Müller nahm die Zahlungsaufforderung eines Inkasso-Büros, das für die S-Bahn Schwarzfahrer-Gebühren eintreibt, nicht ernst. Dienstwagen-Fahrer Müller soll bei einer Fahrscheinkontrolle in der S-Bahn am 19. Oktober "ohne Fahrausweis" angetroffen worden sein? Unmöglich. Doch als er einen Mahnbrief über 60 Mark plus zehn Mark Mahngebühr erhielt, grübelte er der Sache nach. Da fiel ihm sein verlorener Bibliotheksausweis ein. Damit müsse sich ein Filou von Schwarzfahrer ausgewiesen haben, kombinierte er. Gezahlt hat er nicht, lediglich dem Inkasso-Büro seinen Besuch mit Personalausweis zur Aufklärung des Sachverhalts angekündigt. Dazu hatte er noch keine Zeit. Und da er ein stoisches Naturell hat, stört ihn das Damoklesschwert über dem Kopf gar nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben