Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

So langsam beginnt der alte Trott der politischen Hektik wieder. Zumindest bei SPD und PDS. Nur der Regierende lässt arbeiten. Er tritt erst am Montag wieder ins Bild - zur letzten Runde der Koalitionsverhandlungen. Klaus Wowereit kehrt heute spätabends aus dem Weihnachtsurlaub zurück, macht aber gleich einen Sonntagsausflug nach Tirschenreuth. Der dortige Bürgermeister ist ein guter alter Bekannter, dem er ein bisschen im bayerischen Kommunalwahlkampf helfen will. In Berlin werden es Parteichef Peter Strieder, Fraktionschef Michael Müller und Bürgermeister Klaus Böger schon richten, und Handys gibt es auch. Bei der Gala für Marlene Dietrich soll Böger die Honneurs samt Ansprache sogar mit fast Wowereitschem Charme gemacht haben. Wippenden Fußes war er "von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" - für Marlene. Na ja, SPD-Spitzengenossen sorgen sich: "Wowereit macht zur Zeit einen Fehler. Er kommuniziert nicht, obwohl er doch der geborene Kommunikator ist." So eine Partei möchte eben gestreichelt werden, damit die Verlierer, die es bei Senatsbildungen immer gibt, nicht mit ihrem Frust allein bleiben.

Andererseits: Die PDS-Spitzen waren alle weit weg. "Ich habe gemerkt, dass es ein Fehler ist, wenn man nicht selbst in Urlaub fährt", stöhnte PDS-Fraktionssprecher Günter Kolodziej, dem die Presse immerfort im Nacken saß. Dabei ist ihm "der höhere Sinn der Redewendung aufgegangen, dass man sich den Mund fusselig zu reden kann." Er fühlt sich nun auch firm "in der Kunst des wortreichen Verschweigens". Na bitte, dann war es doch wenigstens ein lehrreicher Leerlauf für Herrn Kolodziej.

Und wer ist momentan das wichtigste Gremium in der Stadt? "Natürlich die K-Gruppe", meint der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Sven Vollrath mit dem Schalk im Nacken. K-Gruppe - das ist die kleine Spitzenrunde der Koalitionsunterhändler, bestehend aus Strieder, Wowereit und Müller auf der einen, Gregor Gysi, Stefan Liebich und Harald Wolf auf der anderen Seite. Aber K-Gruppe weckt auch so schöne grimmige Assoziationen an kommunistische Sektierergruppen der 70er Jahre im Westen und an die FDJ und SED im Osten. Einen nimmt Vollrath (Ost) aus: "Gregor Gysi war SED-Hochadel, Vater Kulturminister in der DDR." Am Montag tagt erst die K-Gruppe und dann die große Verhandlungsgruppe. "Aber wir ratifizieren ja nur, was die kleine Runde uns vorlegt", weiß Vollrath aus Erfahrung.

Niemand denkt mehr an die rot-grüne Koalition, aber noch gibt es sie. Der Minderheitssenat wird erst am 17. Januar durch den rot-roten abgelöst. Mit Bedacht wird die Fraktion der Grünen erst am 23. Januar ihren neuen Fraktionsvorstand wählen. Vielleicht kehrt Wolfgang Wieland, der gern Justizsenator - im Ampel-Senat - geblieben wäre, auf seinen Stammplatz als Fraktionschef zurück; er denkt in der stillen Zeit darüber nach. Doch wer weiß, ob Sibyll-Anka Klotz, die seit Juni Allein-Chefin ist, die Rückkehr zur Doppelspitze mit Wieland gefällt. "Im Zweifelsfall wird die Sibyll nicht gefragt, das entscheidet die Fraktion", heißt es. So viel zum Selbstbewusstsein der Grünen.

Und im Preußischen Landtag spukt es. Barbara Helten, persönliche Referentin des SPD-Fraktionschefs Müller, möchte es mit ihrem Juristen-Verstand gar nicht glauben. Doch seit Mittwoch findet sie in ihrem Büro morgens nie alles an seinem Platz. So wurde ein Bild aufgehängt, das sie abgehängt hatte, weil es ihr nicht gefiel. Freitagfrüh fand sie einen ganz anderen Kalender für 2002 an der Wand, während der von ihr aufgehängte herumlag. Dabei war sie abends die letzte und schloss hinter sich ab. Von der SPD will es keiner gewesen sein. Frau Helten will es nun mit einem Bestellzettel an die Geister versuchen. Die mögen bitte beim nächsten Mal wenigstens ein Andy-Warhol-Poster aufhängen oder eine schöne Büropflanze hinterlassen. An einen Untersuchungsfall für Parlamentspräsident Walter Momper mag sie vorerst nicht denken. Obwohl: Etwas unheimlich findet sie die mysteriöse Angelegenheit schon.

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