Berlin : Hinter den Kulissen

Ulrich Zawatka-Gerlach

Das Rote Rathaus zerbröselt. Trotz oder wegen des rot-roten Senats? Zwei Innenhöfe des ehrwürdigen Gebäudes, das nach außen hin so stabil wirkt und nach 1990 aufwendig saniert wurde, sind seit einer Woche gesperrt. Die Mitarbeiter der Senatskanzlei wurden in einem Rundschreiben informiert, dass mindestens drei Säulen an der Hoffassade durch Frostschäden an den Sockeln den Halt verloren haben. Sie drohten abzustürzen, auf die schönen, teuren Dienstwagen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und anderer Führungskräfte. Also müssen sie von einer Spezialfirma abgenommen, restauriert und wieder an ihren Platz gesetzt werden. Das dauert seine Zeit. Bis dahin muss sich Wowereit einen anderen Parkplatz suchen.

Ein Signal wollte der neue Senat setzen: Wir schauen nach vorn! Auf der ersten Pressekonferenz nach der holperigen Wahl der Landesregierung verkündete Regierungschef Wowereit, dass sich Berlin für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2005 bewerben wolle. Pflichtschuldig wies er auf die Sportstätten hin, über die die Stadt schon verfügt; nicht zuletzt das grundsanierte Olympiastadion, das für Leichtathletik-Veranstaltungen vorzüglich geeignet ist. Trotzdem - es wurde kritisch nachgefragt. Was denn Berlin noch tun müsse zur Vorbereitung der Großveranstaltung? Wowereit antwortete vergnügt: "Unsere Sportler müssen noch fleißig trainieren, damit sie möglichst viele Medaillen gewinnen". Ach so war das gemeint, was auch in der Koalitionsvereinbarung steht - dass Berlin aus eigener Kraft seine Probleme lösen müsse. Notfalls mit Muskelkraft. Hauptsache, es kostet kein Geld.

Es passiert immer wieder: Die politische Prominenz bekommt Post, die gar nicht für sie bestimmt ist. Der abgewählte Kultursenator Christoph Stölzl (CDU) lachte herzlich, als die Einladung zum B.Z.-Kulturpreis für den neuen Kultursenator Thomas Flierl (PDS) an seine Privatadresse in Zehlendorf geschickt wurde. Eine Wohngemeinschaft mit Flierl, das liegt Stölzl doch fern. Er nahm die virtuelle Hausbesetzung aber gelassen hin und leitete den Brief an den Nachfolger weiter. Auch Wolfgang Wieland (Grüne) bekam, als er noch Justizsenator war, kurz vor seinem Abschied Post. Absender war der Bundesverband der Kriminalbeamten, dessen Ehrenmitglied der Grünen-Politiker ist. Adressiert war die Sendung an "Frau Ehrhardt Diepgen". Ein Konglomerat aus den Namen einiger Amtsvorgänger Wielands: Frau Peschel-Gutzeit, Ehrhardt Körting, Eberhard Diepgen. Wir wissen es längst aus einschlägigen Kriminalromanen. Nur mit viel Fantasie lassen sich die besonders kniffligen Fälle lösen.

Abschiede überall. Senator a. D. Wieland bekam von der eigenen Fraktion als Abschiedsgeschenk einen original Gitterstab aus der Justizvollzugshaftanstalt Tegel; schon durchgesägt. Senatorin a. D. Adrienne Goehler, die sich über originellen Schmuck immer freut, wurden Ohrringe mit den Initialen "K. W." überreicht. Das sollte nicht etwa heißen: Kann wegfallen, sondern "kann weitermachen". Die Frage ist nur wie und wo. Aber Frau Goehler hat bereits Pläne. Sie will jetzt ihre Dissertation fertigschreiben. Als Doktor-Mutter hat sie sich allerdings jemand ausgesucht, der in Zukunft keine Zeit und Gelegenheit mehr hat, Doktorarbeiten zu betreuen: die neue Staatssekretärin in der Wirtschafts- und Arbeitsverwaltung, Hildegard Maria Nickel. Die parteilose Kulturwissenschaftlerin und Soziologin kennt Ex-Senatorin Goehler aus dem Beirat des Feministischen Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung. Im selben Beirat sitzt auch die ehemalige Wirtschaftssenatorin Freifrau von Friesen. Frau Nickel muss sich jetzt erst einmal der reinen Wissenschaft enthalten und sich um Gregor Gysi kümmern, den neuen SenWAF. Hört sich gefährlich an, ist aber nur das offizielle Amtskürzel für "Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen".

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