Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Thilo Sarrazin (SPD) will im Irrgarten der Finanzen aufräumen. Ruckzuck hat der neue Finanzsenator als erstes der rot-roten Koalitionsvereinbarung den Makulatur-Stempel aufgebrannt. "Ich war bei den Koalitionsverhandlungen nicht dabei", sagt er trocken. Und was heißt Wahlversprechen, wenn es um die Sparkur geht: "Ich war bei den Wahlen nicht dabei." Jeden Tag zu früher Morgenstunde weckt Sarrazin (SPD) seine vitalen Sparkräfte mit 300 Ruderschlägen am Home-Trainer. Wenn er dann um acht Uhr im Amt ist, gehts rund. Ach, genauso rigoros gingen seine drei Vorgänger seit 1996 ans Werk. Annette Fugmann-Heesing (SPD) hatte Erfolg - und wurde als bestgehasste Frau fortgejagt. Peter Kurth (CDU), auch nicht mit Rückenwind gesegnet, musste abtreten, weil die Große Koalition platzte. Christiane Krajewski (SPD) fühlte sich allein gelassen und ging. Preisfrage: Wie weit kommt Thilo Sarrazin im Irrgarten?

Ferien sind Ferien, und alles andere ist alles andere. War doch immer so in Berlin. Klaus Wowereit und die "Neuen" von SPD und PDS waren unter sich, als am Dienstag am Senatstisch der aufregende Rahmenbeschluss über dramatische Einsparungen und die noch dramatischere Erhöhung der Neuverschuldung von 6,3 Milliarden Euro für 2002 fiel. Die "alten" Senatoren Peter Strieder, Klaus Böger und Ehrhart Körting machten Urlaub. Sie wussten schon Bescheid. Schautafeln über Schautafeln warf Sarrazin an die Wand, um am Ländervergleich zu beweisen, wie Berlin über seine Verhältnisse lebt. Seine Quintessenz stand groß und fettgedruckt - "für Kurzsichtige" - auf dem letzen Schaubild: "Keine Schuldenhilfe ohne Selbsthilfe."

Machtvoll ist auch der Gegendruck, lautstark der Protest, groß die Empörung des Ex-Regierenden Eberhard Diepgen, der sich keine Fehler nachsagen lassen will. Verdächtig aber ist die Funkstille bei der SPD. Ihr Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler findet "Sarrazins Ehrlichkeit positiv". Nur: "Er darf sich nicht mit eigenen Vorstellungen ins Abseits manövrieren wie Annette Fugmann-Heesing. Die Verständigung mit der Fraktion könnte besser sein."

Der Finanzsenator ist nun auch Herr der Verwaltungsreform. Da hat er ebenfalls viel vor. Und da Sarrazin schon vor Jahren als Spitzenmanager nach Berlin kam, weiß er aus Erfahrung zu illustrieren, wo es klemmt. Er wollte damals seinen Mainzer Personalausweis gegen den Berliner Personalausweis umtauschen, stieß aber auf amtliche Probleme. Zur Führung des Sarrazinschen Doktortitels wollte man bei der Meldestelle die Promotionsurkunde sehen. "Die habe ich gar nicht so schnell gefunden, und der alte Ausweis war ja fälschungssicher", erzählte er neulich. Das Amt war unerbittlich. Da ließ er eben Monate verstreichen, bis er sich die Zeit nahm, die Sache zu regeln.

Papierne Wegsparbeschlüsse und eigene Anschauung sind zweierlei. Die halbe SPD-Fraktion war dieser Tage auf Informationsbesuch beim FU-Klinikum Benjmin Franklin, und da entdeckten einige ihre "Beziehung" zu diesem Klinikum. "Ich bin dort geboren, es geht mir nahe", meinte Pressereferent Thorsten Metter. Man durfte auch in der Kardiologie einer Herzkatheter-Untersuchung zusehen. Die neue Abgeordnete Ülker Radziwill machte sich gleich ein bisschen durch Dolmetscherdienste zwischen dem türkischen Patienten und dem Professor nützlich; sie stammt aus der Türkei.

Und was macht der Dreierbund der Opposition? Die FDP hat immer noch damit zu tun, sich im Abgeordnetenhaus einzurichten, so dass Fraktionschef Martin Lindner gar nicht zu seinem Beruf als Anwalt kommt. Die CDU sieht noch ein bisschen alt aus. Die Grünen machen ihrs. Doch erste schwarz-gelbe Annäherungsversuche gibt es schon. Beim Schwätzchen in der Teeküche, denn einige CDU-Büros liegen in der Nachbarschaft der FDP. "Teetrinker freuen sich, wenn sie Teetrinker treffen", weiß die FDP-Sprecherin Christina Vardakis: "Wir halten uns gegenseitig das Wasser heiß." Und bei den Grünen schaut Frau Vardakis öfter mit der Post vorbei, die irrtümlich bei den Liberalen landet.

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