Berlin : HINTER DEN KULISSEN

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Was tun Kandidaten nicht alles, um im Wahlkampf aufzufallen! Sie posieren nackt, springen Fallschirm, gehen baden, fahren Rad oder mit alten Wohnmobilen durch die Lande. Auch die Kandidaten für das Abgeordnetenhaus lassen sich originelle Aktionen einfallen. Als lobendes Beispiel sei der FDP-Spitzenkandidat Martin Lindner erwähnt, der viel Zivilcourage gegen Wildwuchs zeigt. Nein, hier geht es nicht um unnötige Verkehrsschilder, Datenaustauschformate oder andere vertrackte Angelegenheiten, sondern um Unkraut. Gemeines Unkraut oder Wildkraut genannt, das sich ungestüm im öffentlichen Straßenland zeigt. Medial gut inszeniert setzte der FDP-Politiker gegen diese Verschandelung ein brennendes Zeichen: Dämonisch grinsend hielt er mit einem Flammenwerfer vor dem Abgeordnetenhaus auf das Unkraut, das in den Flammen jämmerlich zugrunde ging. Natürlich verknüpfte der Liberale diese hartherzige Aktion mit einer politischen Botschaft: „Wo bleibt die Stadtreinigung?“, rief er in den Großstadtdschungel und forderte sogleich, die BSR-Leistungen öffentlich auszuschreiben. Nun, das könne schon mal passieren, dass die Straßenkehrer mit dem Unkrautjäten nicht hinterher kämen, sagte BSR-Sprecherin Sabine Thümler darauf. Und die „feuchte Witterung“ würde der pflanzlichen „Wuchsfreude“ auch noch Vortrieb leisten. Aber hat der Liberale bei seiner brenzligen Aktion auch den Artenschutz beachtet? Die erleichternde Antwort kommt aus dem Berliner Pflanzenschutzamt. Artengeschützte Unkräuter im Straßenland seien ihm nicht bekannt, sagt Fachmann Peter Boas. Und unerwünschten Bewuchs könne übrigens jeder Bürger „mechanisch“ entfernen. Zu diesem Behufe seien auch „gasbetriebene Abflammgeräte“ – in Garten- und Baumärkten erhältlich – nicht verboten. Herr Lindner, wo bleiben Sie? Straßenwahlkampf lässt sich gut mit Unkrautvernichtung verbinden.

Einen lustigen Einfall hatte Harald Wolf . Der PDS-Spitzenkandidat benannte sein Wahlquartier im Karl-Liebknecht- Haus in „Wolfs Revier“ um. Das wiederum fand der Sender Sat 1 gar nicht lustig. Denn: Bis Mai lief dessen Krimiserie „Wolffs Revier“. Eine Unterlassungserklärung unterschrieb Harald Wolf nicht. „Warum sollte ich das tun? Ich heiße Wolf und das ist mein Revier.“ Basta. Sat -1-Sprecherin Kristina Faßler sagte immerhin, man werde keine rechtlichen Schritte unternehmen. Aber warum fand Sat 1 eigentlich nichts dabei, als der nordrhein-westfälische FDP-Innenminister Ingo Wolf im Wahlkampf 2005 seinen Wahlkreis „Wolfs Revier“ nannte?

Verschwörungstheoretiker kommen jetzt voll auf ihre Kosten: Der Grünen-Linke Christian Ströbele traf sich vor ein paar Tagen mit dem Sozialisten Gregor Gysi im Café Einstein Unter den Linden. Es war das erste Mal, dass sie sich in der Öffentlichkeit gemeinsam bei Kakao (Ströbele) und Kaffee (Gysi) blicken ließen. „Im weitesten Sinne“, sagen sie, ging es um das Ausloten von Rot-Rot-Grün auf Bundesebene. Wenn sich einige Grüne über „Jamaika-Koalitionen“ Gedanken machten, könne er sich auch mal „andere Gedanken“ machen, sagt Ströbele, der nie einen Hehl aus seiner Vorliebe für rot-rot-grüne Farbenspiele gemacht hat. Bundestags-Fraktionschefin Renate Künast sieht das gelassen. „Christian Ströbele ist ein freier Mensch und kann sich mit Herrn Gysi treffen. Ich treffe dafür andere Menschen.“ Und Gysi? Der feixt: Er würde sich sehr freuen, wenn es bei den Grünen „mehrere wie Ströbele“ geben würde. Mal schauen, ob Rot-Rot-Grün erst einmal im September auf Landesebene Chancen hat. Sabine Beikler

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