Berlin : Hinter den Kulissen

Brigitte Grunert

Im Abgeordnetenhaus brannte am Donnerstagabend lange Licht, aber nicht im Plenarsaal, sondern im Festsaal. Nach der Schlusssitzung dieser Wahlperiode feierte die Koalition. Landowsky war Gastgeber für Abschied und Willkommen. Er tischte ordentlich auf, und nach einer nur ganz kleinen Spitze, dass die Genossen gern zu ihm kämen, weil es bei der SPD immer bloß "Grünzeug und Körner gibt", gab er einen warmherzigen Rückblick auf die gesegneten Gemeinsamkeiten der Großen Koalition - samt Ausblick ins "nächste Jahrtausend". Klaus Böger fehlte wegen einer Fernsehdiskussion, und SPD-Fraktionsgeschäftsführer Hans-Peter Seitz beschränkte sich ganz auf den freundlich-kritischen Rückblick. Dann machten sich die Sozialdemokraten auch schon davon - zum gemütlichen Beisammensein mit ihrem Fraktionschef Böger im Willy-Brandt-Haus.



Da die CDU nun unter sich war und überhaupt fast nie über die CDU, aber immer über die SPD redet, nahm sie den Davongeeilten auch gerne alle Sorgen über die Zusammensetzung des nächsten Senats ab. Beim Gläschen Wein wurden Neugierige fleißig mit Namen gefüttert. Vor allem die Lieblingsidee der Christdemokraten hörte man aus allen Ecken: Das Finanzressort wird unser, also weg mit Annette Fugmann-Heesing, die hat uns so geärgert. Ein Köder ist ausgelegt: Ohne das Finanzressort darf die SPD vielleicht vier statt drei Senatoren stellen. Folgte ein Kompliment des sehr gemütlichen Kultursenators Peter Radunski für die "bewundernswert tapfere und versierte" Frau Fugmann-Heesing; die werde in der Wirtschaft ganz sicher mit Kusshand genommen. Also die "Machtfrage": Eine Haushaltsgehilfin hätte sich die CDU gefallen lassen, aber doch keine Hausdame. Und die CDU weiss ja, dass die eiserne Spar- und Modernisierungslady auch in der SPD nicht nur Freunde hat.



Schulsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) ist die einzige, die freiwillig ausscheidet. Da wissen manche in der Union auch schon, dass Lehrer Böger scharf auf das Erbe ist. Und Bögers Stellvertreter Hermann Borghorst, der Gewerkschaftsführer, wäre ein prima Wirtschaftssenator - findet Radunski. Den Titel hat zwar schon CDU-Kollege Wolfgang Branoner, aber der soll wohl den CDU-Kollegen Bau- und Verkehrssenator Jürgen Klemann beerben, das bisherige Strieder-Ressort Stadtentwicklung und Umweltschutz werde draufgepackt. Das hat Böger nun von der Verkleinerung des Senats. Klemann hat schon vor längerer Zeit gesagt, er müsse nicht wieder Senator werden, und da er keine Parteibasis mehr hat, wird er vermutlich auch nicht mehr gebeten. Und Peter Strieder? Um den macht sich Radunski "ganz große Sorgen", schon als Parteichef, wenn die Sozialdemokraten bei der Wahl abrutschen. Merkwürdig: Die sonst so redselige SPD ist einsilbig beim Personalkarussel. Böger weiss noch gar nicht, ob er ein Senatsamt anstreben oder Fraktionschef bleiben soll - womöglich in der Opposition. Aber wenn mit der CDU, "dann wären wir ja total verrückt, auf Annette zu verzichten", lässt er bestellen.



Klaus Landowsky sieht Annette Fugmann-Heesing ja schon seit langem die Koffer packen. Und da Walter Momper Landowskys Bekundungen, der wolle natürlich in den Senat, nicht dementiert, halten das manche in der verunsicherten SPD glatt für eine Bestätigung. Reinhard Roß, der SPD-Fürst in Reinickendorf, findet sogar: "Walter gehört auch in den Senat, wäre gut für Eberhard Diepgen." Nein, für den Regierenden wäre es das Allerletzte, er straft ja Mompers Namen schon seit zehn Jahren mit Verachtung, denn der hat ihm für 22 Monate "eine regierungslose Zeit" beschert. Doch Roß weiss wie alle: Was aus Momper wird, "hängt vom Wahlergebnis ab". Von daher hat Diepgen wenig zu besorgen.



Von sich aus zerschneidet Klaus Böger trotz aller Piekereien doch das Tischtuch nicht. Am liebsten hätte er sich am Donnerstag im Abgeordnetenhaus mit Diepgen fotografieren lassen, als er ihm schriftlich den generösen Vorschlag überreichte, Klaus Franke (CDU) mit der Würde eines Stadtältesten zu ehren. Nach 35 Jahren scheidet der 76jährige Franke, langjähriger Vorsitzender des Hauptausschusses und Ex-Senator, aus dem Parlament aus. Von "seinem" Ausschuss verabschiedete er sich letzten Mittwoch gerührt mit einer Dampferfahrt und bekam ein Geschenk: ein Fernrohr, damit er alles weiter beobachten kann. Selbst die EU-Kommissarin Michaele Schreyer, früher Finanzstar der Grünen im Hauptausschuss, war mit von der Partie. Und die PDS brachte ein Extra-Geschenk mit - den letzten Kommunalhaushalt Ost-Berlins von 1990.



So kann man auch die Aufmerksamkeit der Wähler auf sich ziehen: Nackt und bloß lassen sich acht Abgeordnete der Grünen plakatieren, unter ihnen der frühere Fraktionschef und Innenexperte Wolfgang Wieland. Die Schamgrenze wird durch ein Transparent gewahrt: "Was hier nicht steht, steht im Programm." Heidemarie Fischer von der SPD sprach Wieland im Innenausschuss darauf an: "dass Sie sich nur nicht erkälten." Wieland verteidigte das Nacktfoto vorsorglich gegenüber den Unionskollegen: "kein polizeiliches, für manche höchstens ein ästhetisches Problem." Da konterte aber Rüdiger Jakesch (CDU): Falls Sie zu viel Fanpost kriegen, Herr Wieland, könnte es ein polizeiliches Personenschutz-Problem werden."

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