Berlin : Hinter den Linden: Lockangebot

Robert Birnbaum

Der Herbst kommt, die Blätter fallen, in den besseren Bekleidungsgeschäften hält die Abendgarderobe Einzug. Rein modemäßig ein interessanter Fall, weil die Abendgarderobe der Mode sozusagen gar nicht unterworfen ist. Der Herr trägt Schwarz in den Varianten Smoking und Spencer - der Frack sinkt allmählich in historische Sedimente ab, wird nur auf dem Theater vorgeführt oder zu satirischen Zwecken. Die Dame trägt schulterfrei, glitzernd und knisternd und im Zweifel bonbonbunt.

Ist es bei so viel Tradition der Tracht ein Wunder, dass sich auch die dazugehörigen Ereignisse gegen alle Neuerungen zäh behaupten? Seit vielen, vielen Jahren hat es in Bonn den Presseball gegeben. Die Presse ist mittlerweile relativ vollzählig in Berlin, folgerichtig auch der Bundespresseball. Aber ist das Grund, den Bonner Ball abzuschaffen? Es ist nicht. Am 1. Dezember steigt er wieder, "Copacabonna" heißt das Motto.

Reine Nostalgie, sagen wir Neu-Berliner: Das wird bald aussterben. Aber Vorsicht mit solchen Vorhersagen! Der Bonner Presseball arbeitet an seiner Zukunft. Man sieht es an den Eintrittskarten. Die gibt es nicht nur für normale Sterbliche sowie (ermäßigt) für Journalisten, sondern auch (noch mal ermäßigt) für Junioren. Wenn sich die Debütanten aber erst mal für teures Geld Smoking oder Ballkleid angeschafft haben, mögen die Veranstalter denken, dann kommen sie im nächsten Jahr wieder. Welch hübsche List! Noch listiger durch die großzügige Bemessung der Altersgrenze, bis zu der man am Rhein als Junior gilt: "bis 27 Jahre".

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