Berlin : Hinterm Ku’damm geht es weiter

In den Seitenstraßen des Einkaufsboulevards sollen neue Ideen und ein Standort-Management gegen den Leerstand helfen

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„Eine Geisterstraße“, sagt Bernard Manche und blickt traurig aus dem Schaufenster. „Alle Geschäfte gehen weg, keiner kommt mehr vorbei.“ Er ist Chef aller deutschen Filialen des Pariser Modehauses „Longchamp“ und gerade dabei, die Boutique in der Fasanenstraße nach sieben Jahren aufzulösen. Sie zieht auf den Kurfürstendamm. „Wir sind hier fast die letzten der Mohikaner“, sagt er. Von allen Seitenstraßen des Kurfürstendamms ist die Fasanenstraße von Geschäftsaufgaben am stärksten betroffen.

Vielleicht kommt der Abgang zu früh. Stefan Heerde vom Maklerunternehmen Engel & Völkers ist nämlich überzeugt, dass die Fasanenstraße zwischen Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße in 15 bis 20 Monaten wieder geschäftlichen Aufwind verspürt. Unterstützt von der Industrie und Handelskammer und dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat er für die Straße ein „Standortmanagement“ gestartet. Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrotzki (FDP) spricht schon vom „ersten gelungenen Versuch in Berlin“, alle Hauseigentümer an einen Tisch zu bringen, um eine einst so berühmte Einkaufsstraße wieder attraktiv zu machen und gezielt nach „zukunftsträchtigen Branchen“ zu suchen.

In Ku’damm-Nähe sollen sich Läden für Mode ansiedeln, im mittleren Bereich Geschäfte für Kunst, Genuss (kleine Lebensmittel und Gastronomie), an der Ecke zur Lietzenburger Straße Einrichtungshäuser. Die Straße ist derzeit abends viel zu dunkel, es wird künftig heller beleuchtet. Als großer Erfolg wird vom „Standortmanagement“ verbucht, dass die Mieten auf „ein realistisches Maß heruntergehandelt“ wurden. Spitzenwerte von 70 Euro pro Quadratmeter, wie noch vor zehn Jahren gezahlt, sind nicht mehr zu erzielen, nun ist von maximal 35 Euro die Rede. Gewünscht werden „kleine, feine, möglichst inhabergeführte“ Läden. Große Namen wie Chanel, Louis Vuitton, Gucci, Bulgari, Rena Lange sind ohnehin aus der Straße verschwunden, um in den meisten Fällen am Kurfürstendamm wiederaufzuerstehen.

Das Longchamp des französischen Geschäftsmanns liegt (noch) direkt neben dem Eingang zur Uhland-Passage, die von einer belebten Fasanenstraße nur profitieren könnte. Passanten gibt es wenige, und solche, die hier einkaufen, offensichtlich noch weniger. Die Immobilienexperten von Engel & Völkers haben gerade, wie berichtet, vorgeschlagen, derartige Passagen oder auch das Ku’damm-Eck gegenüber neu zu nutzen oder baulich zu verändern. „Das ist leicht gesagt“, heißt es bei der Eigentümergesellschaft Wohnbau-Commerz. Die Passage könne man im Interesse künftiger Mieter umbauen, aber die müsse man erst mal finden. Viele Geschäfte stehen leer. Gerade hat ein Kinder-/Jugend-Schuhgeschäft geschlossen, ein großer Optikerladen am Passageneingang zur Uhlandstraße verstaubt.

In der Mitte des Hofs steht, von einer Palmenterrasse flankiert, wie eine Trutzburg das italienische Lokal „Il Borgo“. Wirtin Margherita Cusimano sagt: „Wir harren aus.“ Aus Richtung Uhlandstraße ist der Kundenstrom fast versiegt. Das Aus für den großen Makro-Markt im Ku’damm-Karree gegenüber macht sich bemerkbar. Seit kurzem ist dort auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG weggezogen. „600 Leute“, rechnet die Wirtin. Viele aßen bei ihr zu Mittag. Ein großes schwarzes Loch hat der Makro-Markt vor allem im Ku’damm-Karree hinterlassen, die Ladenmieter ringsum vermissen schmerzlich einen „Magneten“. Die Deutsche Bank als Eigentümerin bestätigt nur „laufende Nachvermietungsaktivitäten“. Wie an Ku’damm-Eck und Fasanenstraße hat auch der Kundenstrom in der Knesebeckstraße nachgelassen. Peter Hedenström von der Buchhandlung Marga Schoeller bestätigt, dass hier schnell die Geschäfte wechseln. Wenigstens bemühe sich die Initiative „Rund um den Savignyplatz“, ein Wir-Gefühl der Geschäftsleute zu entwickeln. „Es ist immer weniger los“, sagt auch Petra Lehmann-Hinze von „Lehmanns Büroshop“ an der Bleibtreustraße. Vom Boom des Kurfürstendamms ist nicht viel zu spüren. Aber viele kleine Geschäfte könnten sich seit Jahren halten. So schlimm wie an der Fasanenstraße sei der Leerstand nicht.

Am Eingang der Fasanenstraße, Ecke Kurfürstendamm, gruppieren sich oft Touristen. Auf einer Tafel am Haus lesen sie, dass hier vor über 70 Jahren Robert Musil den Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ schrieb. Dann schauen sie um die Ecke in die Fasanenstraße hinein und überlegen, ob sie einen Spaziergang wert ist. Am Ende lassen sie es bleiben, vermuten eine Straße ohne Eigenschaften. Das wird sich vielleicht bald wieder ändern.

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