• Historiker bezweifeln Berichte, nach denen Nazis das Schloss am Kriegsende vermint haben sollen

Berlin : Historiker bezweifeln Berichte, nach denen Nazis das Schloss am Kriegsende vermint haben sollen

Claus-Dieter Steyer

Besucher von Schloss und Park Sanssouci werden offenbar seit vier Jahrzehnten belogen. Denn die große Gedenktafel am Eingang Grünes Gitter erinnert an Verdienste der Sowjetsoldaten bei Kriegsende, für die es in den Archiven keine Belege gibt. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten will deshalb das Metallschild entfernen lassen. Sie hat damit nicht nur eine Diskussion in Potsdamer Parteikreisen ausgelöst, sondern auch das Bedauern der russischen Botschaft in Berlin hervorgerufen. Es sei schwer vorstellbar, dass die Gedenktafel seinerzeit völlig ohne Grund an diesem Ort angebracht wurde, sagte Botschaftssprecher Koslikin. Es gebe keinen Grund, an der Aussage "Dank den Sowjetsoldaten. Sie schützten im April 1945 Sanssouci vor der drohenden Zerstörung durch die Faschisten" zu zweifeln.

Es sei bekannt, dass während des Krieges sowjetische Truppen angewiesen wurden, bei Kämpfen um Museen und sonstige Kulturstätten möglichst schonend zu handeln. "Sie haben auch viel für die Entschärfung der von den Faschisten an solchen Stätten verlegten Minen getan", erklärte der Sprecher. Die Entscheidung über die Gedenktafel in Sanssouci liege natürlich bei der deutschen Seite. Eine Entfernung wäre aber nur die Fortsetzung der sich leider bereits abzeichnenden Tendenz, "die Erinnerung an die guten Taten der sowjetischen beziehungsweise russischen Soldaten in Deutschland nach und nach auszulöschen", meinte Koslikin. Ein Beispiel wäre dafür die Umbenennung des Bersarinplatzes in Berlin.

Die Schlösserstiftung beruft sich dagegen auf gesicherte Erkenntnisse über das Schicksal von Sanssouci im April und Mai 1945. "Wir machen uns die Abnahme der Gedenktafel nicht leicht und wollen die Verdienste der Sowjetarmee bei der Befreiung vom Faschismus nicht negieren", sagt Jürgen Becher, persönlicher Referent von Generaldirektor Hans-Joachim Giersberg. "Doch es geht um die historische Wahrheit." Es wäre einfach gewesen, die Tafel im Zuge der großen Straßenumbenennungen 1991/92 in Potsdam zu entfernen. Da hätte es sicher keine großen Diskussionen gegeben, meint Becher. "Doch jetzt können wir die Unwahrheit des Schriftzuges begründen."

Nach Recherchen der Historikerin Friedhild-Andrea Anders gab es bei Kriegsende weder von deutscher noch von sowjetischer Seite Pläne für eine planmäßige Vernichtung der Parkanlagen. "Die politische Führung der DDR gefiel sich darin, die Rote Armee zu glorifizieren", schreibt sie in ihrem im Vorjahr veröffentlichten Band "Schlösser in der Stunde Null". "Bei jedem runden Geburtstag der Befreiung vom Faschismus wurde die angebliche Rettungstat der Sowjetsoldaten weiter ausgeschmückt bis hin zur Erfindung eines Spezialbefehls von Stalin zum Schutz von Sanssouci." Auch die Verminung der Anlagen durch fanatische Nazis sei erfunden worden, stellt die Autorin fest.

Anders fand heraus, dass am 28. April 1945 die heranrückende sowjetische Armee das Neue Palais und die Communs beschossen hatte. Die durch Volkssturm und Hitlerjungen aufgefüllten deutschen Truppen lagen in einer starken Verteidigungslinie auf Höhe Wildpark - Neues Palais - Straße nach Eiche. Ein russischer Parlamentär soll die Übergabe des Neuen Palais gefordert haben. Doch der deutsche Abschnittskommandant ging darauf nicht ein. "Seine Stellung sollte gehalten werden. Erst als er sich abgesetzt hatte, konnte der Schlossinspektor am Kellereingang die weiße Fahne zeigen", heißt es in dem Buch von Anders. Wäre die Fahne auf dem Dach des Neuen Palais angebracht worden, hätten möglicherweise deutsche Truppen das Schloss beschossen.

Sowjetische Soldaten durchkämmten auf der Suche nach deutschen Verteidigungsnestern den Park. Frauen und Kinder, die in den Häusern Schutz gesucht hatten, wurden nach Hause entlassen. Männer kamen in Kriegsgefangenschaft. Panzer durchfuhren durch das geschlossene Grüne Gitter. Alle erhöhten Gebäude wurden beschossen, da die Kampftruppen hier deutsche Aufklärer vermuteten. Ziele waren unter anderem das Belvedere auf dem Klausberg, der Normannische Turm auf dem Ruinenberg, der Turm der Friedenskirche und sogar die Kuppel des Schlosses Sanssouci. "Die geringe deutsche Gegenwehr hat offenbar die Kampfhandlungen schnell beendet", erklärt Referent Jürgen Becher. "So sind letztendlich die Schlossanlagen weitgehend erhalten geblieben."

Falls das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege dem Antrag auf Löschung der umstrittenen Gedenktafel aus der Denkmalliste zustimmt, soll das Stück als historisches Zeugnis im Depot der Stiftung verwahrt werden. Auch ein Platz in einer Ausstellung über die jüngere Geschichte der Schlösserstiftung sei vorstellbar, sagt Jürgen Becher. Auf dem Eingangstor "Grünes Gitter" aber, das selbst unter Denkmalschutz stehe, sei die Tafel ein "Fremdkörper".

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben