Berlin : Historische Musikinstrumente: Alte Saiten ganz modern

Rainer W. During

Man nehme ein Tamburin, zersäge einen Besenstil, verbinde die Teile, spanne acht Saiten - fertig ist die "Berliner Lyra". In seiner Werkstatt auf der Zitadelle hat Norbert Dobisch nicht nur das 1600-jährige Instrument wiederentdeckt, sondern auch eine einfache Variante sozusagen für den Hausgebrauch entwickelt. Beim Burgfest, das an diesem Wochenende wieder auf der Festung stattfindet, wird die "Vier-Stunden-Lyra" erstmals öffentlich angeboten.

Seit 1992 betreibt Norbert Dobisch, der nach der Tischlerlehre an der Berliner Hochschule der Künste Musik studierte, auf der Zitadelle die Werkstatt "Klangholz" für historische Musikinstrumente. Vier Jahre später entstand der gleichnamige Verein, der inzwischen eine Vielzahl von Kursen und Musizierkreisen anbietet. Kinder lernen hier ebenso wie Berufstätige und Rentner das Spielen auf alten, fast vergessenen Instrumenten, die man auch selbst bauen kann.

Kantele (eine nordische Kastenzither) und Dulcimer (eine Art Griffbrettzither) entstehen hier ebenso wie Psalterium (eine trapezförmige Kastenzither) oder die mittelalterliche Drehleier. Zum Teil wird über 1000 Jahre altes Eichenholz benutzt, als Stege dienen ebenso alte Knochen. Nach traditionellen Vorbildern wurden auch die "Spandauer Handtrommeln" und - zusammen mit Kindern aus dem Evangelischen Johannesstift - die "Spandauer Flöte" (eine Panflöte mit Mundstück) entwickelt.

Das besondere Interesse des 50-jährigen Musikexperten gilt jedoch der Lyra, deren Geschichte sich über Jahrtausende in die ägyptische, griechische und römische Kultur zurückverfolgen lässt. Um 400 n. Chr. ist dieses traditionelle Instrument aus unserem Kulturkreis verschwunden. Laut Dobisch wurde es auf Druck der Kirche verboten, weil damit die Götter besungen wurden. Nach 20-jähriger Recherche hat der Spandauer das Buch "Die Lyra - das vergessene Wunder" veröffentlicht. In seiner Werkstatt entstehen verschiedene Formen, für den Einsatz in Kindergruppen ebenso wie im Konzertsaal. Dazu gibt es eine Lyra-Schule und Spielkreise. Die Wilhelm-Maybach-Oberschule hat bereits einige Instrumente für den Musikunterricht beschafft.

"Die Lyra ist ein Akkordinstrument und nicht, wie lange geglaubt wurde, eine kleine Harfe" sagt Norbert Dobisch. "Wir werden den Besuchern zeigen, wie eine Lyra mit einfachen Mitteln auch zu Hause gebastelt werden kann." Wer Lust hat, kann die "Berliner Lyra" ausprobieren oder für 150 Mark kaufen. Rund 100 Musikfreunde greifen bereits in die Saiten.

Beim Burgfest, das am Sonnabend von 10 bis 22 Uhr sowie am Sonntag von 10 bis 20 Uhr gefeiert wird, gibt es wieder ein historisches Spektakel mit mittelalterlichem Markttreiben, Gaukler, Hexen, Spielleute, Kunsthandwerkern und vielem mehr. Höhepunkt ist am Samstagabend um 21 Uhr ein großes Feuerwerk. Der Eintritt kostet zehn Mark.

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