Historisches Hobby : Freizeit im Kettenhemd

Die Berliner Rittergilde kämpft wie im Mittelalter – am Sonnabend ist sie am Kremmener Damm zu sehen.

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Gut verpackt. Wie echte Ritter sehen sie aus.Foto: Davids Foto: DAVIDS
Gut verpackt. Wie echte Ritter sehen sie aus.Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Es scheppert, klongt und kracht. Metall stößt auf Metall. Schwert auf Schild. Ein Keuchen ist zu hören. Und aggressive Laute: „Hua!“ „Aah!“ Nach zwei Minuten fällt ein Ritter in Kettenhemd und Helm auf der Waldlichtung in der Schönholzer Heide zu Boden, spannt den Körper noch einmal kurz an, bevor er erschlafft. Er ist besiegt. „Alles klar?“, fragt Volker Berliner, der Sieger, etwas besorgt. „Ja klar“, antwortet der Verlierer aus der Tiefe seines Helms fröhlich. Zum Glück sind ihre Schwerter nicht scharf. Sonst wäre er jetzt tot. Um sie herum stehen weitere Männer in Kettenhemden, Helmen und blauen Waffenröcken und stützen sich auf ihre Schilde, Schwerter oder Speere.

Wenn Spaziergänger an Sonntagnachmittagen durch den Pankower Park Schönholzer Heide laufen, kann es passieren, dass sie auf einmal glauben, durch ein schwarzes Loch ins Mittelalter geraten zu sein: Alle zwei Wochen trainiert dort die Berliner Rittergilde. Studenten, Versicherungsangestellte, Schüler und ein Tellerwäscher sind sie an den restlichen Tagen des Monats. Aber zwei Mal im Monat sind sie eine Kampftruppe aus dem Mittelalter. Ausgerüstet in speziellen Online-Shops.


Sie sind nicht die einzigen Fans dieses Zeitalters. Das Mittelalter hat schon seit einigen Jahren Hochkonjunktur: An manchen Wochenende kann man zwischen drei bis vier Mittealtermärkte und -festen in Berlin und Brandenburg wählen. Immer mehr Menschen ziehen sich für die Veranstaltungen grobe Leinenkleidung an, schnallen Schwerter um und trinken in dieser Montur ihren Met. Aber genau damit will die Rittergilde nichts zu tun haben. „Das ist oft nur Gewandsaufen“, sagt Frank Berliner, der Zwillingsbruder des Siegers auf der Lichtung. „Wir trinken keinen Alkohol, schon gar nicht, wenn wir Waffen in der hand haben. Wir haben uns in der Mittealterszene dadurch etwas unbeliebt gemacht.“


Die Brüder Berliner, heute 25, haben die Gilde gegründet. „Die Quelle allen Übels war ein Schwert, dass Volker 2005 auf einem Mittelaltermarkt erworben hatte“, sagt Frank Berliner lachend. „Danach haben wir begonnen, Schwertkampf zu trainieren.“ Er ist heute der Chef der Gilde, der „Hochmeister“, sein Bruder ist sein Stellvertreter: der Komtur.
Rund 60 Mitglieder jeden Alters hat die Gilde inzwischen, auch Bogenschützen, Dudelsackpfeifer, Speerwerfer, Trommler und Männer, die die große Wurfmaschine bedienen, die Fünf-Kilo-Granitkugeln verschießt. Das große Kriegsgerät steht in ihrem Hauptquartier in Thyrow, wo sie gelegentlich Ritterlager veranstalten. Nach eigener Auskunft sind die größte Mittelaltergruppe Berlins.

Unter den Bogenschützen sind einige kleine Jungen, der jüngste ist sieben. Auch ein Mädchen gehört zu ihnen, bei den Showkämpfen darf sie aber nicht schießen, stattdessen trommelt sie. Frauen sind ebenfalls in der Gilde dabei, sie dürfen sogar Hauptmann werden – aber nicht an den Schwertkämpfen teilnehmen. „Das wirkt dann vor Publikum nicht authentisch“, sagt Frank Berliner. Denn um Authentizität geht es den Rittern, schließlich betreiben „eine Form der mittelalterlichen Darstellung, ein bisschen wie ein Museum, aber nicht so verstaubt.“ Ihre Schaukämpfe kann man manchmal im Filmpark Babelsberg erleben, bei Stadtführungen durch das mittelalterliche Berlin – oder am Sonnabend in Kremmen. Dort stellen sie die historische „Schlacht vom Kremmener Damm“ nach die dort im Oktober 1412 geschlagen wurde – vor genau 600 Jahren. Das feiert der Tourismusverein der Region und hat die Rittergilde dazu engagiert.


Die Truppe hat als Vorbild eigentlich „historische Söldnergruppen aus der Zeit um 1300 im Raum Berlin“, sagt Frank Berliner und doziert ein wenig darüber, wie es in Berlin zur Zeit Albrechts des Bären aus dem Haus Askanien zuging. Er hätte gern Geschichte studiert, sagt er. Aber mit Volkswirtschaft lasse sich doch eher Geld verdienen, also hat die Vergangenheit zu seinem Hobby gemacht.

Mit den klassischen Rollenspielen, bei denen die Spieler etwa die Identität einer Fantasy-Figur annehmen, wollen die Gilderitter ebenso wenig zu tun haben wie mit den herkömmlichen Mittelaltermärkten. „Es geht nicht darum, im Kreis zu fuchteln und Herr der Ringe spielen. Und ich bin ja nicht irgend jemand anders in meiner Ritterrüstung, sondern weiterhin Frank Berliner. Und ich lebe heute und nicht 1312.“ Wenn er Wörter wie „löblich“ verwendet, oder die anderen Ritter mit „meine Herren“ oder „die Gefährten“ anspricht – dann wirkt er allerdings schon ein wenig aus der Zeit gefallen für einen 25-Jährigen.

Am besten vergleichen kann man sie wohl mit Anhängern asiatischer Kampfsportarten. Die Ritter der Gilde haben sich ein eigenes Kampfsystem erarbeitet, nach historischen Vorbildern. Martin, 41, Pädagoge mit Vollbart, ist gerade von einem Kampf mit dem Speer ganz außer Atem, als er sagt: „Wir kämpfen aus Spaß an der Freude. Der Sport ist das wichtigste.“ Aber wie in den asiatischen Kampfsportarten geht es auch um Rituale und einen gewissen Moralkodex. „Wir legen Wert auf hundertprozentige Zuverlässigkeit. Und wir nehmen nicht hin, dass ein Mitglied der Rittergilde von Hartz IV lebt und nichts aus seinem Leben macht sagt Thomas Berliner, der Vater der Zwillinge, den sie mit ihrer Ritterbegeisterung angesteckt haben. „Wir helfen dann zum Beispiel einen Ausbildungsplatz zu finden.“

Christian, einer der Bogenschützen, hat gerade seine Pfeile wieder von der Wiese gesammelt, die statt einer Spitze einen Gummiball haben. Er steckt sie in seinen Köcher zurück und sagt: „Das Zwischenmenschliche ist bei der Gilde wichtiger als in anderen Vereinen. Und ein respektvoller Umgang miteinander.“ Und Jan, 20, Geschichtsstudent und Schwerkämpfer findet einen anderen Aspekt mindestens eben so wichtig: „Aber es ist auch toll, dass man einfach mal aufeinander einschlagen kann. Natürlich möglichst ohne Verletzungen.“

Am Sonnabend um 13.30 Uhr beginnt die „Historische Schlacht Kremmener Damm“. Um 14.30 Uhr gibt es eine Gedenkfeier am Kremmener Kirchplatz und ab 15.30 Uhr ein Spektakel um den Kirchplatz mit der Rittergilde.

Mehr Informationen unter www.berliner-rittergilde.de

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