Berlin : Hitler, Herr Behrens und die Dixi-Klos

Eine deutsche Führer-Komödie – geht das? Klar, wenn es vor der Kamera zugeht wie hinter den Kulissen

Marc Neller

Volker Behrens weiß, was er kann. Sprachen: Deutsch, Englisch, Grundkenntnisse in Latein und Altgriechisch. Dialekte: Ruhrpott, Sächsisch, Lippisch. Seit 40 Jahren ist er Musiker, nicht in der Freizeit, sondern nebenberuflich, darauf besteht er. Wenn es gewünscht ist, gibt er auch den Alleinunterhalter. In seinen Filmen spielte Behrens einen weinenden Vampir, Popstar in der Gosse oder die Transe Veronika. Unter anderem.

Auf seiner Homepage im Internet wird man demnächst nachlesen können, dass er Hitler die Hand geschüttelt hat. Denn der Regisseur Dani Levy dreht eine Komödie, die „die wirklich wahrste Wahrheit“ über den „Führer“ zutage fördern soll, wie der Untertitel ankündigt. Im Film ist Behrens ein SS-Mann, im wahren Leben Komparse, semiprofessionell.

Für diesen Montag ist ein Dreh am Lustgarten terminiert, die Schlusssequenz des Films. Das Team hat auf der Treppe vor dem Eingang des Alten Museums ein Rednerpult aufgebaut. Eine riesige rotleuchtende Wand mit 16 Hakenkreuzfahnen steht vor dem Dom. Die anderen Komparsen tragen altmodische Mäntel, Jacken und Hosen in gedeckten Farben. So wie es die Macher verlangt haben.

Der Komiker Helge Schneider ist Hitler, Ulrich Mühe und Katja Riemann spielen weitere Hauptrollen. Aber die Namen sind nur das eine, für Behrens geht es um etwas noch größeres: eine Rolle in einem Film über ein ernstes Thema. Dafür nimmt er es hin, dass er dieses Mal vermutlich nicht allzu sehr auffallen wird. Außer ihm sind laut Produktionsfirma 600 Komparsen einbestellt, auch wenn es so aussieht, als ob nicht alle gekommen sind. Dafür geht Behrens in einer Drehpause auf Journalisten zu und verteilt seine Autogrammkarten.

Es schneit, nach Stunden des Herumstehens ist den Laienschauspielern die Kälte in Füße und Beine gekrochen. Egal, sagt Behrens, und reibt sich die Hände. Er macht sich über die blauen Dixi-Kloboxen lustig, die am Rand der Absperrung für die Schauspieler aufgestellt sind. „Nicht gerade ein Ort, den man mit dem Führer in Verbindung bringt.“ Er lacht herzhaft.

Für den Händedruck des Führers ist Behrens um zwei Uhr nachts aufgestanden. Dann ist er mit dem Auto von Bielefeld nach Berlin „gebrettert, um pünktlich um acht Uhr da zu sein“. Behrens, 54 Jahre alt, ist ein gemütlicher Mann, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Aber wenn er ehrlich ist, hat ihn sein bevorstehender Auftritt mit Herrn Hitler doch in die Raserei getrieben. Er sei geblitzt worden, sagt er, er verrate lieber nicht, wie viel er zu schnell gefahren ist.

Das Bußgeld führt er unter Spesen – nur dass er für den Auftritt kein Geld bekommt. Nicht für das Benzin, nicht für die Uniform. Sieht man mal von dem Bußgeld ab, so geht es den meisten der Laiendarsteller wie Behrens. Sie besorgen ihre Klamotten selbst und werden nicht bezahlt. Der Unterschied ist: Wenn sie nach den Dreharbeiten nach Hause fahren, ist für die meisten die Filmkarriere beendet. Behrens will nach dem Dreh, gegen sechs am Abend, noch zurück nach Bielefeld fahren. Vielleicht wird er sich zu Hause noch im Internet umtun, was an Rollen zu kriegen ist. Behrens ist jederzeit abkömmlich, „da in Altersteilzeit“.

Die steht Heiko Janitz nicht bevor. Er ist dreißig, gelernter Maurer. Im Moment lässt er sich zum Klimatechniker umschulen. Als er von der Möglichkeit las, in einem Film mit Helge Schneider mitzuspielen, hat er sich beworben. Es hat geklappt, und Janitz ist perfekt vorbereitet: die blonden Haare stabil gescheitelt, an den Seiten kurzgeschoren. Vor ein paar Tagen ist er von Cottbus nach Senftenberg gefahren, um sich aus dem Theaterfundus einen Originalmantel und eine Hose aus den 40er-Jahren zu besorgen. Toller Dreh, sagt Janitz, nur zu kalt.

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