Hitler und Tsipras in Delphi : Bitte keine Witze über Griechenland! Obwohl...

Eigentlich soll man über Griechenland ja keine Witze mehr machen. Unser Autor hat sich lange nicht getraut, diesen zu erzählen, deswegen muss der Leser darauf sensibel vorbereitet werden. Aber lesen Sie selbst.

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Klassische Kulisse für ein weissagendes Medium: Studio-Säulen in Delphi.
Klassische Kulisse für ein weissagendes Medium: Studio-Säulen in Delphi.Foto: dpa

Ehrlich, die Zeit der Hellas-Witze ist vorbei. Die Achse Spree-Athen, wie man das Duo Wolfgang – Alexis auch nennen kann, scheint repariert. Endlich geht man wieder netter miteinander um, was daran zu erkennen ist, dass Nazi-Altlasten und Nazi-Vergleiche kein Thema mehr sind. Wir stehen also entspannt vorm Brandenburger Tor, dem (neben der Lindenstraßen-Taverne) griechischsten Topos der Stadt, und sind nur dankbar, dass wir über solch eine super gepflegte Propyläen-Kopie verfügen, ohne Lizenzgebühren abzudrücken. Manchmal fühlt Europa sich eben auch selbstlos an.

Wir denken daran, dass vor der Revitalisierung der Drachme durch anti-osmanische Befreier die erste Valuta des modernen Griechenland von 1828 bis 1831 Phönix geheißen hatte: was für uns Berliner wegen der Asche und aufgrund des Aufstiegs, den erstere befruchtet, ein vertrauter Gedanke ist. Und wenn man ahnt, wie unsere Schicksale sich ähneln, fällt Nettsein nicht mehr gar so schwer.

Deshalb mag es eher heikel wirken, gerade jetzt auf den (jüngst in dieser Glosse angekündigten) Witz vom Delphischen Orakel zurückzukommen. Wir betonen darum, dass jene vagen Statements, die dem weissagenden Medium entlockt werden, auch in diesem Witz vage sind; sodass sie – wo beispielsweise Politiker um Auskünfte bitten – irgendwie immer passen. Das gilt jedenfalls für Antwort 1 und 2. Auch die dritte Antwort, in der es um das Phänomen Selbstsuggestion geht, klingt zeitlos treffend, besonders freilich für besonders ideologisch engagierte Kabinette. Sie merken, uff, dieser Witz braucht diplomatische Einbettung.

Ihr müsst dran glauben!

Ein Vergleich oder irgendeine Gleichsetzung zwischen der Berliner Regierung 19XY und der Athener Regierung 20XY ist weder ironisch noch sonstwie intendiert! Was sich schon daran zeigt, dass seinerzeit die B-Regierung ihrem Demos befohlen hatte, an den Endsieg zu glauben; während die A-Regierung ihr jeweiliges Tagesziel mehr kurzfristig ausrichtet.

Also: Die Berliner / Athener Regierung schickt eine Delegation zur ollen Pythia nach Delphi und stellt die erlaubten drei Fragen. 1) Wird unser Volk gut geführt? Antwort: Noch nie wurde ein Volk so angeführt. 2) Sitzt unsere Regierung fest im Sattel? Antwort: Noch nie hat eine Regierung so festgesessen. 3) Werden wir siegen?

An dieser Stelle wird uns klar, wie alle Europäer in einem Boot sitzen, das eben die Spree hoch am Kanzleramt vorbeischippert, während jeder an Bord anderen Sieg-Versionen nachhängt: von der Sicherung des persönlichen Wohlstands bis zur eutopischen Umverteilung, von der wunderbaren Verwandlung des Pleitegeiers in ein Sparschwein bis zum Überflug des Phönix mit der Asche. Antwort Nr. 3: Ihr müsst dran glauben! Ja, so was kriegen Sie nur in Delphi, in Berlin findet sich, von ollen Talkshows abgesehen, kein weissagendes Medium dieser Art.

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