Berlin : Hitlisten der Touristen

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Vorbildlich. Im Schloss Charlottenburg fühlen sich Touristen gut aufgehoben. F: Rückeis
Vorbildlich. Im Schloss Charlottenburg fühlen sich Touristen gut aufgehoben. F: Rückeis

Draußen auf den Stufen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt sitzen sie in Scharen. Sie recken die Hälse in die Sonne, spielen Gitarre und trinken Wein: italienische Touristen. Drinnen im Saal dagegen vermisst man die Gäste aus dem Süden abends allerdings schmerzlich. Sie singen wohl lieber selber.

Während gestern Mittag der Eingang des Schinkel-Gebäudes an die spanische Treppe in Rom erinnerte, stellte Kulturstaatssekretär André Schmitz zusammen mit Burghard Kieker, dem Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), die Ergebnisse einer Studie mit dem rätselhaften Namen „Kulmon“ vor. Seit Dezember 2008 wurden in einem Pilotprojekt „Kulturmonitoring“ die Besucher von zwölf Berliner Museen und Bühnen nach ihren kulturellen Interessen und Gewohnheiten befragt. „Die Ergebnisse belegen, wie populär die Berliner Kulturlandschaft bei unseren Touristen ist“, sagte Kieker. „Kultur und Tourismus sind hier in einer Win-win-Situation. Die Besucher kommen wegen der Kultur nach Berlin, und die Hotels lieben sie – denn Kulturtouristen bleiben am längsten.“ Tatsächlich kommen inzwischen mehr als zwei Drittel der Besucher der Berliner Museen von auswärts. „Fünf von sieben Gründen, nach Berlin zu fahren, haben einen kulturellen Hintergrund“, betont Kieker.

Spitzenreiter unter den Publikumsmagneten ist das Jüdische Museum mit einem Touristenanteil von rund 90 Prozent. Ebenfalls hoher Beliebtheit erfreut sich das Schloss Charlottenburg mit einem Touristenanteil von 86 Prozent. Als Informationsquelle dienen einem Viertel der Museumsbesucher erstaunlicherweise immer noch ihre Reiseführer, nur durchschnittlich 5,5 Prozent konsultieren das Internet. Bei den Besuchern der Bühnen sieht es anders aus: 38 Prozent der Touristen informieren sich vorher im Web, immerhin 24 Prozent lassen sich bei der Programmauswahl von Freunden und Bekannten beraten. Eigenpublikationen verlieren der Studie zufolge an Bedeutung. Zeitungen sind aber als Informationsquelle nach wie vor geschätzt.

Während Dänen, Schweizer und Österreicher besonders häufig Tickets für Berliner Bühnen erwerben, verhalten sich Italiener, Franzosen und Holländer hier eher zurückhaltend. Darum will sich BTM nun in den betreffenden Ländern darum bemühen, Berlins Opern und Theater bekannter zu machen. Nicht die Spielpläne der Bühnen müssen sich ändern, aber die Marketingmaßnahmen können aufgrund der Studie künftig zielgruppenorientiert verfeinert werden.

900 000 Euro kostet das bis Ende 2011 laufende Besuchermonitoring insgesamt. 450 000 Euro kommen von der Kulturverwaltung, 315 000 Euro von der BTM, den Rest steuern die beteiligten Institutionen bei. „Nach unserer Kenntnis gibt es europaweit keine vergleichbare Initiative“, erklärte Kieker stolz. Auch Kulturstaatssekretär André Schmitz ist zufrieden: Er habe immer gesagt, dass das kulturelle Angebot der Stadt für den Tourismus von großer Bedeutung sei. „Jetzt kann ich’s endlich belegen.“

Die höchsten Besucherzahlen verzeichnet Berlin übrigens im Hochsommer. Dann schnellt der Anteil der Touristen in den Museen der Hauptstadt sogar auf 84,3 Prozent hoch. In die Theater gehen sie dagegen bei schönem Wetter nicht so gerne, hat André Schmitz beobachtet. Da ist die Treppe des Konzerthauses dann doch verlockender. Maris Hubschmid

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