HNO-Ärzte über Wattestäbchen : Herumstochern hilft nichts

Sie sind beliebt, doch Ärzte warnen, sie richten mehr Schaden als Nutzen an: Die Wahrheit über Wattestäbchen.

Anna Ilin
Wattestäbchen: Beliebt, aber man kann auf sie verzichten.
Wattestäbchen: Beliebt, aber man kann auf sie verzichten.picture-alliance/ dpa

Eigentlich ist Ohrenschmalz eine positive, sogar notwendige Substanz. Es dient dazu, den Gehörgang zu fetten und das Ohr vor Staub- und Schmutzpartikeln zu schützen. Einen guten Ruf genießt das gelbliche Sekret deshalb noch lange nicht - um es loszuwerden, wird gebohrt, gewischt und gespült, was die Industrie hergibt.

Seit Generationen schon ist dabei ein kleines, acht Zentimeter großes Stäbchen mit zwei kleinen Puscheln an den Enden im Zentrum der Diskussion – das Wattestäbchen. Zwar ist auf den Packungen inzwischen ein Warnhinweis angebracht: „Nicht zur Ohrenreinigung geeignet“. Doch viele stochern unbeirrt weiter. Allerdings steht statt glänzend-sauberer Ohren nach der Anwendung mitunter ein Termin beim Ohrenarzt auf dem Programm. Karin Kippenhahn, niedergelassene Hals-Nasen-Ohren-Ärztin in Zehlendorf, sagt: „Ich sehe immer wieder Patienten mit Verletzungen des Gehörgangs oder des Trommelfells durch Wattestäbchen. Sie stecken sich das Stäbchen in das Ohr, und wenn sie sich zum Beispiel erschrecken, ist es passiert.“ Ohnehin sei die Ohrenreinigung mit Wattestäbchen eine Illusion. Die Physiognomie des Stäbchens mache es unmöglich, das Ohrenschmalz aus dem Gehörgang effektiv herauszuholen.

Wie aber, so argumentieren dagegen die Wattestab-Verfechter, lässt sich dann erklären, dass ja der Puschel nach dem herausziehen eben doch nicht mehr so weiß ist wie zuvor – also seinen Job scheinbar erledigt hat? „Am Wattebausch klebt nur das Ohrenschmalz, das ganz vorne am Gehörgang saß“, sagt HNO-Ärztin Kippenhahn. In den tieferen Regionen bewirkt das Stäbchen genau das Gegenteil. Anstatt die ungeliebte Substanz zu entfernen, schiebt es sie tiefer ins Ohr und drückt sie fest.

Tatsächlich säubert sich der Gehörgang in der Regel von alleine – beim Essen nämlich. Weil das Kiefergelenk Kontakt zum äußeren Gehörgang hat, rutscht das Ohrenschmalz bei Kaubewegungen nach außen. Es gibt deshalb, außer in besonderen Fällen, keinen medizinischen Grund, einen Gegenstand, egal welcher Art, zu Reinigungszwecken in das Ohr einzuführen. Wenn man einen sehr engen Gehörgang hat oder das Ohrenschmalz eintrocknet, ist der natürliche Selbstreinigungsmechanismus manchmal nicht ausreichend. Dann kann eine professionelle Ohrenreinigung beim HNO-Arzt helfen. Wie oft die Behandlung erfolgen sollte, ist individuell verschieden, so wie überhaupt die Menge an produziertem Ohrenschmalz bei jedem unterschiedlich ist.

Was den auch für andere Mitmenschen einsehbaren Eingangsbereich des Gehörs angeht: Bei vielen erledigt sich die Säuberung von alleine beim Duschen und Haare waschen. Falls nicht, darf schon aus ästhetischen Gründen hier manuell nachgeholfen werden. Begrenzt man sich wirklich auf die wenigen Millimeter, die vom Gehörgang tatsächlich sichtbar sind, darf man bei aller Vorsicht sogar ein Wattestäbchen benutzen.

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