Berlin : Hoch hinaus am U-Bahnhof Spichernstraße

Investoren planen drei Hochhäuser, aber die Anwohner halten nichts davon. Sie fürchten um ihre Lebensqualität

Cay Dobberke

Eigentlich waren die rund 50 Wilmersdorfer Anwohner in den bezirklichen Bauleitplanungsausschuss gekommen, um gegen ein Hochhausprojekt an der Bundesallee / Ecke Meierottostraße zu protestieren. Doch zu ihrer Überraschung und Empörung präsentierten Investoren am Dienstag sogar drei geplante Gebäude mit je 16 Etagen und 60 Metern Höhe rund um den U-Bahnhof Spichernstraße. Zusammen mit dem 1974 erbauten Sitz der Investitionsbank Berlin würde es also vier Hochhäuser in unmittelbarer Nähe geben, falls die Bezirkspolitiker zustimmen.

„Unverschämt“ und „eine Sauerei“ fanden es die Bürger, „ein Hochhaus nach dem anderen vor die Tür geknallt“ zu bekommen. Besonders Anwohner aus der Meierottostraße beklagten einen drohenden Verlust an Lebensqualität in ihrer ruhigen Wohngegend. Die Gebäudetürme würden die Umgebung „verschatten“ und durch Aufwinde zugig machen.

Ganz anders sahen es natürlich die potenziellen Bauherren. Einer davon ist die Firma Neubau GmbH, die das Gelände der ehemaligen Freien Volksbühne 1999 von deren Trägerverein gekauft und das Theater den Berliner Festspielen zur Verfügung gestellt hatte. Wie berichtet, will die Firma ein Parkdeck abreißen und das dortige Spiegelzelt der Bar jeder Vernunft um einige Meter verlagern. Für das denkmalgeschützte Haus der Festspiele wird eine „Übertragung in das Kulturvermögen“ des Landes Berlin angestrebt.

Das geplante Hochhaus mit Tiefgarage ist für einen Büromieter gedacht, der noch nicht genannt wurde. Für das Projekt soll auch ein Eingang des U-Bahnhofs verlagert werden. Architekt Hans Kollhoff nannte den heutigen Zustand des Areals einen „Flickenteppich“ aus Grünanlagen und „ungepflegten Spielplätzen“. Zudem sei die Bundesallee als Folge der gescheiterten Autobahnplanungen aus den 50er Jahren zu breit. Die Umgestaltung bedeute eine „Stadtreparatur“.

Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) argumentierte ähnlich. Das Hochhaus solle größtenteils auf „nutzlosem Straßenland“ entstehen und kaum in die Gerhart-Hauptmann-Grünanlage ragen. Weil zugleich ein neuer Park auf dem Gelände zwischen Bundesallee und Schaperstraße geplant sei, werde es knapp 1800 Quadratmeter mehr Grün geben.Dafür sei ein Grundstückstausch zwischen dem Investor und dem Bezirk nötig. Die Bundesallee will der Baustadtrat schmaler gestalten. Dies schaffe nicht nur Platz für die geplanten Bauten, sondern erleichtere außerdem Fußgängern die Überquerung.

Das zweite neue Hochhaus plant ein anderer Investor am Ende der Pariser Straße, die am Bahnhof Spichernstraße eine Sackgasse bildet. Die bisherige Überbauung mit drei bis fünf Etagen soll abgerissen werden. Die Betriebskrankenkasse (BKK) Berlin wolle von ihrem dortigen Sitz in den Neubau umziehen, hieß es.

Beim dritten Projekt geht es um den Sitz der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), der schräg gegenüber an der Bundesallee / Ecke Nachodstraße liegt. Zusätzlich zu den drei Jahrzehnte alten Bauten mit neun bis zehn Geschossen soll am Straßenrand ein Hochhaus entstehen. Nach Angaben der Vermieterfirma will die BfA ihre Mitarbeiterzahl an diesem Standort von rund 1400 auf 1950 erhöhen. Diese „Sicherung der BfA-Arbeitsplätze im Bezirk“ nannte Stadtrat Gröhler als wichtiges Argument für das Vorhaben.

Die Anwohner sahen nicht ein, warum die „Reparatur“ alter Bausünden nur durch Hochhäuser möglich sein solle. Gröhler meinte dazu, Gebäude gemäß der Blockrandhöhe von 22 Metern wären unwirtschaftlich. Es sei nämlich nötig, Fernwärmerohre und andere Leitungen zu verlagern, die wegen der alten Schnellstraßen-Planungen weit jenseits der Fahrbahn angelegt worden seien. Die Kosten müssten die Investoren tragen.

Um die Anwohner zu beruhigen, verwiesen Bezirkspolitiker und Stadtplanungsamtsleiter Rainer Latour auf den frühen Planungsstand. Man stehe erst am „Anfang der Diskussion“ und werde vorerst keine Beschlüsse fällen. Die Ausschussvorsitzende Monica Schümer-Strucksberg (SPD) wies Vorwürfe zurück, die Bürger seien übergangen worden. Auch für die Bezirksverordneten sei es „das erste Mal, dass wir über die Pläne informiert werden“. Für den Januar versprach sie eine öffentliche Informationsveranstaltung. Einige der Anwohner bereiten unterdessen die Gründung einer Bürgerinitiative vor. Für den kommenden Freitag haben sie ihre Nachbarn zu einem Treffen eingeladen.

Bausenator Peter Strieder (SPD) sagte auf Anfrage, er kenne die Pläne bisher nicht. Die Gegend sei „sicherlich kein klassischer Hochhausstandort“. Andererseits halte er 60-Meter-Bauten dort auch „nicht für undenkbar“. Die Zuständigkeit liege jedenfalls beim Bezirk.

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