Berlin : Hochbegabt – und an den Rand gedrängt

Überdurchschnittlich intelligente Schüler werden kaum gefördert und häufig gehänselt. Die Eltern leiden mit

Claudia Keller

Von Claudia Keller

Sie werden verprügelt und ausgegrenzt. Und viele der 7000 hochbegabten Kinder und Jugendlichen in Berlin sind in psychischer Behandlung. „Das sind keine Einzelfälle“, sagt Jutta Billhardt, die Vorstandsvorsitzende der „Hochbegabtenförderung“. Ihr Verein hat 140 Mitglieder – Eltern von außerordentlich begabten Schülern, die es leid sind, dass der Senat sie mit ihren Problemen alleine lässt. Im Koalitionsvertrag haben die Regierungsfraktionen zwar festgeschrieben, ab 2003/04 an ausgewählten Grundschulen Modellprojekte zur Hochbegabtenförderung einzurichten. Außer dem Entwurf einer Expertenkommission liegt bisher aber nichts vor. „Ganz gewiss werden wir in den nächsten Monaten eine Konzeption vorlegen“, sagt Thomas John, der Sprecher von Schulsenator Klaus Böger. Konkreter möchte sich er aber nicht äußern. Vieles sei noch nicht geklärt, zum Beispiel, ob man an bestehenden Schulen Klassen für Hochbegabte einrichten oder eine eigene Schule schaffen will.

Jutta Billhardt hat in der Expertenkommission mitgewirkt und glaubt, dass Senator Bögers Mitarbeiter nicht nachvollziehen können, warum Hochbegabte im bestehenden Schulsystem nicht zurechtkommen. Deshalb hat sie vergangenen Donnerstag Eltern und Kinder versammelt, die von ihren Problemen mit einem Intelligenzquotient über 120 erzählten. „Hochbegabung ist nicht das musikalische Wunderkind“, sagte eine Mutter, „Hochbegabung heißt, dass die Kinder in besonderem Maße abstrakt-logisch denken können.“ Und daraus folgt nicht automatisch, dass die Kinder in allen Fächern eine Eins haben und man ihre Förderung darauf beschränken kann, sie eine Klasse überspringen zu lassen.

Der 19-jährige Sebastian Meyer zum Beispiel ist hochbegabt und gleichzeitig Legastheniker. „Es kann sein, dass ich ein Wort richtig schreibe und drei Sätze später wieder falsch.“ Woran das liegt, weiß er nicht, aber er sagt von sich, dass er während seiner ganzen Schulzeit kaum gelernt habe und auch nicht gelernt habe zu lernen. Trotzdem hat er sich in der dritten Grundschulklasse mit dem Stoff des Chemieunterrichts einer achten Klasse beschäftigt. In der dritten Klasse musste Sebastian ein halbes Jahr zu Hause bleiben, weil er an Salmonellen litt. „Das war mein Glück.“ Der Hauslehrer erkannte Sebastians Fähigkeiten und studierte mit ihm Chemie und Physik. In der siebten Klasse testete der Schulpsychologe Sebastians Intelligenz, verweigerte ihm und den Eltern aber das Ergebnis mit der Begründung „Da kriegen sie ja einen Höhenflug.“ Der Mutter wurde immer wieder von Lehrern und Psychologen zu verstehen gegeben, dass sie an den Schwierigkeiten ihres Sohnes schuld sei: „Wenn Sie drei Kinder in die Welt setzen müssen, da kommt es eben zu Problemen.“

Viele Mütter und Väter erzählen, dass sich nicht nur ihre Kinder Neid, Missachtung und Unverschämtheiten von ihren Mitschülern gefallen lassen müssen, sondern auch sie als Eltern angepöbelt werden. Oft ist es Zufall, dass die Fähigkeiten der Kinder frühzeitig diagnostiziert werden, und die Lehrer Verständnis haben. Für viele Hochbegabte beginnt mit der Einschulung eine Odyssee von Schule zu Schule und ein Teufelskreis aus Ausgrenzung und Leistungsverweigerung.

Ab einem IQ von 120 werden die Noten schlechter, sagt Sebastian, weil das deutsche Schulsystem auf Wiederholung basiert. Wer es schon beim ersten Mal kapiert hat, schalte ab. Wer trotzdem mitmacht, bekomme von den Mitschülern „eins auf den Deckel“. Sebastian hat die Gradwanderung geschafft: „Ich ziehe die Schule so durch, dass es läuft, die überschüssige Energie nutze ich außerhalb der Schule.“ Auch die psychosomatischen Migräneanfälle hat er überwunden und sieht wie ein ganz normaler, glücklicher Abiturient aus. Seit der zehnten Klasse ist er auf ein Oberstufenzentrum mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. „Da sind lauter Leute, die vorher Probleme hatten.“ Deshalb sei die Toleranz größer. Vor einem Jahr hat er seine Firma gegründet und verkauft Telefonanlagen. Seine Lehrer haben Verständnis, wenn er jede dritte Stunde ausfallen lässt, um sich um seine Geschäfte zu kümmern. Sie geben ihm trotzdem eine Eins. „Das ist meine Art der individuellen Schulzeitverkürzung“, sagt Sebastian.

Auch dass er Freunde außerhalb der Schule gefunden hat, war sein Glück. Da war gar kein Raum für Neid auf seine Fähigkeiten in der Schule. Aber die Ex-Freundin habe es ihm übel genommen, dass er ohne zu lernen die besseren Noten geschrieben hat. Nach dem Abi will Sebastian in die USA gehen, denn nur dort kann man vier Studiengänge parallel studieren. Im Moment droht sein Plan zu scheitern, weil sich in Berlin keine Institution findet, die seine Befähigung dazu testen könnte.

Sebastians 14-jähriger Bruder ist traurig, angespannt und mag über seine katastrophalen Schulerfahrungen nicht reden. Auch seinen Namen will er nicht nennen und sich nicht fotografieren lassen. Sonst würde er in der Klasse noch mehr gemobbt. Er hat schon genug zu kämpfen – weil er nicht auswendig lernen könne, hagelt es schlechte Noten. In Fächern, in denen logisches Denken gefragt ist, schaltet er ab, weil ihn die Aufgaben langweilen.

Deshalb fordern die Eltern eigene Klassen für Hochbegabte, in denen die Schüler nach einem anderen System unterrichtet werden, nach Sinnzusammenhängen. „Was nutzt es, die Hochbegabten in die Psychiatrie zu stecken?“, fragt Billhardt. Das sei „seelische Grausamkeit“ und koste Geld. Besser wäre es, sie nach ihren Bedürfnissen zu fördern, wie es ja auch bei Lernschwachen passiere, und sie schon in der elften Klasse Abitur machen zu lassen. Die Eltern wehren sich auch gegen die stereotype Gleichsetzung hochbegabt = Elite = reich. Von den Eltern, die am Donnerstag zusammengekommen sind, kann sich niemand ein Internat für die Kinder leisten. Außerdem: „Auch Hochbegabte brauchen ein Zuhause und ihre Katze und ihren Hund“, sagt Sebastians Mutter.

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