Hochbegabte : Eine Extraportion Futter für den Geist

Sechs Prozent der 450 Schüler an der Renée-Sintenis-Grundschule Frohnau gelten als hochbegabt. Sie widmen sich neben dem Unterricht ihren Lieblingsthemen.

Werner Kurzlechner

Speck schützt definitiv am besten vor Kälte. Besser noch als Fell oder ein Federkleid. Das ist das Ergebnis der Versuchsanordnung von Paula Lölsberg, Carl Klingenburg, Nicolai Faggion und Felix Reuß. Die geht so: In einer Wanne mit Eiswasser schwimmen Gläser, die sind mit Speck, Rentierfell, Watte und Federn umwickelt. Die vier Zweit- und Drittklässler der Renée-Sintenis-Grundschule haben heißes Wasser in die Behältnisse gefüllt. Jetzt messen sie, bei welcher Isolierung die Temperatur wie schnell fällt. „Noch 69 Grad!“ ruft Nicolai nach acht Minuten. Da haben sie’s: Das Speckglas bleibt am wärmsten.

Diese Reinickendorfer Schule fördert Begabungen besonders, und das ist hier überall offensichtlich. Während die vier Acht- und Neunjährigen das Überleben in der Kälte erforschen, hält Gregor Nägeli vor Gleichaltrigen einen Vortrag über Kriege in Berlin. Auf eine Leinwand hat der Zehnjährige Schlachtpläne, Auszüge aus dem Internet und Porträts von Kriegshelden geklebt. „Von Bismarck habt ihr sicher schon mal gehört“, sagt Gregor und rattert dann historische Fakten herunter, vom 30-jährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg. Ohne Abgucken. Der Viertklässler weiß darüber besser Bescheid als die meisten Achtklässler. Sein Publikum in der Klasse ist aufmerksam und löchert ihn hinterher mit Fragen: „Was ist das für ein Bild?“ Gregor, Hobbyhistoriker, steht kerzengerade und stolz da, er antwortet lächelnd: „Napoleon.“ In seiner Freizeit liest er gern. Der französische Kaiser interessiert ihn besonders.

Die Kälteforscher und der Historiker haben sich jenseits des Unterrichts mit Themen beschäftigt, die sie packend finden – Teil des Konzeptes einer Grundschule, die ins Berliner Hochbegabungsnetzwerk integriert ist. Herausragend begabte Kinder brauchen mehr geistiges Futter als ihre Altersgenossen. Darum gibt es hier Plus- und Mentoratsgruppen. In den Plusgruppen beschäftigen sich die Kinder einmal die Woche mit einem Thema ihrer Wahl. Paula, Carl, Nicolai und Felix haben sich für das Angebot „Eisbär, Pinguin und Co.“ entschieden. Sie erarbeiten in ihrer Gruppe spielerisch Wissen über die Tiere am Nord- und Südpol und über das Leben in der Kälte. Sie hätten ebenso einen Schachkurs wählen oder Chinesisch lernen können. „Was sie im regulären Unterricht versäumen, arbeiten sie selbstständig nach“, sagt Schulleiter Stefan Albrecht. Auch das beuge Unterforderung vor.

In den Mentoratsgruppen wird noch mehr verlangt. Hier ermitteln die Lehrer für jeden Einzelnen, welches Thema bearbeitet werden soll. Die Kinder beschäftigen sich damit selbstständig und präsentieren das Ergebnis vor selbst gewähltem Publikum – Mitschülern, Freunden, Eltern.

Streber? Das Schimpfwort kennt man an der Renée-Sintenis-Schule nicht. „Sechs Prozent unserer 450 Schüler haben sehr hohe kognitive Fähigkeiten“, sagt Rektor Stefan Albrecht. „Leider wurde die Förderung solcher Talente lange vernachlässigt.“ An seiner Schule ist das seit 2000 anders. Eine Pionierrolle, die viel mit dem persönlichen Engagement von Annette Greulich zu tun hat. Sie unterrichtet in Reinickendorf und koordiniert zugleich berlinweit das Multiplikatorenprojekt der Senatsbildungsverwaltung.

An jeder Berliner Schule sollen Lehrer mit geschultem Blick Begabungen erkennen und wissen, wie man sie gezielt fördert. Das funktioniert nach dem Schneeballprinzip. In jedem Bezirk gibt es mindestens einen zum Multiplikator fortgebildeten Lehrer, dessen Aufgabe die Schulung seiner Kollegen an jeder öffentlichen Grundschule ist. Denn viele Lehrer wären überfordert und würden kapitulieren, wenn man sie ohne Fortbildung mit hochbegabten Kindern alleine ließe.

Annette Greulich erinnert sich an einen Siebenjährigen, der jeden einzelnen Flug eines Space Shuttles aufzählen konnte. „Der wusste darüber eindeutig mehr als ich“, sagt die Lehrerin. Gar nicht so leicht, solch ein Kind davon zu überzeugen, dass man ihm auch jenseits seines Spezialgebietes noch etwas beibringen kann. Gerade das ist typisch für Hochbegabte: Sie wählen ein enges Themenfeld als Steckenpferd und saugen eine Unmenge Wissen auf. Wenn Eltern, Mitschüler oder Lehrer sie in ihrem Drang bremsen, entwickeln sie sich oft zu Sorgenkindern. Entweder sie ziehen sich in ihre eigene Gedankenwelt zurück oder sie verhalten sich aggressiv und zappelig.

An der Renée-Sintenis-Schule können sich solche Kinder von Anfang an entfalten. Wie Lorenz zum Beispiel, der in der ersten Klasse von Lehrerin Claudia Fröhlich sitzt. Hier macht jeder einzelne Schüler etwas Anderes, je nach Neigung und Fähigkeit. Binnendifferenzierung nennt sich das im Pädagogendeutsch. Einer übt Schönschreiben, ein anderer rechnet. Und Lorenz kritzelt munter Buchstaben in sein Heft. An die Seite malt er dazu Bilder, seine Rechtschreibfehler markiert Claudia Fröhlich nicht mit roter Tinte. Er muss das Schreiben nicht per Abschreiben lernen. Der Sechsjährige hält die Fantasiegeschichten fest, die ihm ständig einfallen: Abenteuer eines Bären. „Diesmal ist er im Gebirge und erlebt ein Unwetter“, sagt Lorenz. Die Details fallen ihm beim Schreiben ein. Am Ende der Stunde ist wieder eine bebilderte Episode in seinem ersten Erzählband fertig.

Die Idee hinter dieser Unterrichtsform: Weil Kinder so unterschiedlich sind, brauchen sie individuelle Anreize und keinesfalls Durchschnittsniveau. Lernschwache Kinder fördert die Renée-Sintenis-Schule genauso intensiv wie die Superschlauen.

Besonders Begabte fallen meist schon im Kleinkindalter auf. Manchmal beginnen sie erst sehr spät mit dem Sprechen. „Dann bilden sie aber gleich komplexe Sätze“, sagt Greulich. „Begabte Kinder wollen alles möglichst perfekt machen.“ Sie legen auch eine ausgeprägte Neugier an den Tag, interessieren sich für Themen, die man von einem Kind nicht unbedingt erwarten würde. „Sie wollen zum Beispiel alles über den Tod wissen“, sagt Annette Greulich.

Die Schule in Reinickendorf versucht, diesen Wissensdurst zu stillen. Mit den Plus- und Mentoratsgruppen, mit individueller Förderung im Unterricht und insgesamt mit einem Klima der Selbstständigkeit. „Intelligenz ist nicht das einzige Kriterium für Begabung“, sagt Annette Greulich. Bei Grundschulkindern sei der Intelligenzquotient ohnehin nur schwer zu messen. Soziale und emotionale Reife müssten hinzu kommen. Nach verschiedenen Tests können Schüler Begabungsnachweise erhalten. Für die Diagnose zuständig sind in Berlin die Schulpsychologen in den Bezirken.

Aber auch wenn Schüler nur durch gute Noten und Wissbegierde auffallen, dürfen sie an der Renée-Sintenis-Schule Plusgruppen besuchen. „Soll man ihnen etwa die Förderung verwehren, weil sie nicht getestet sind?“, fragt Schulleiter Albrecht. Eine rhetorische Frage, versteht sich.

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