Hochbetrieb in Arztpraxen : Lange Wartezeiten machen Patienten krank

Wenn es draußen kälter wird, herrscht in Berliner Arztpraxen wieder Hochbetrieb. Doch es gibt auch in der Hauptstadt Mediziner, bei denen es schneller geht - mit gutem Zeitmanagement.

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Geduldsprobe: In vielen Praxen müssen Patienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen - eine Frage des Zeitmanagements der Ärzte?
Geduldsprobe: In vielen Praxen müssen Patienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen - eine Frage des Zeitmanagements der Ärzte?Foto: Imago

Es ginge nur noch am Dienstag in zwei Wochen um 14 Uhr, hat die Arzthelferin am Telefon gesagt. Und dann noch: „Aber bringen Sie etwas Zeit mit.“ Was das heißt, haben die letzten Besuche in der Wilmersdorfer Praxis für Orthopädie gezeigt. Man erscheint pünktlich zum Termin dort, sitzt aber dennoch fast zwei Stunden mit vielen anderen genervt in Zeitschriften blätternden Patienten in einem überfüllten Wartezimmer.

Der Winter steht vor der Tür und mit ihm auch Grippe- und Erkältungswellen – in deren Folge es nicht nur wie gewohnt in Facharztpraxen von Orthopäden, Radiologen oder Hautärzten, sondern auch bei den knapp 2500 Berliner Hausärzten mitunter wieder zu langen Wartezeiten kommen wird. „Mir ist solch ein schlechtes Zeitmanagement ein Rätsel, und ich würde das meinen Patienten gegenüber als unverschämt empfinden”, sagt Hans Georg Fritz.

Der 66-jährige Facharzt für Innere Medizin arbeitet in einer beliebten Praxisgemeinschaft in Wittenau und betreut pro Quartal bis zu 1400 Patienten – von denen im Schnitt keiner länger als sechs Minuten warten muss. Sein Erfolgsrezept: Seit rund 30 Jahren empfängt Fritz zusammen mit einer Kollegin im Schichtdienst Patienten in der Woche zwölf Stunden am Tag und arbeitet auch an jedem Samstag. Außerdem plant er für neue Patienten von vornherein mehr Zeit ein und bietet vorgelagerte Diagnostik- und Therapiemaßnahmen wie EKG und Spritzen außerhalb der Sprechstunde an.

Gegen lange Wartezeiten hat Fritz aus mehreren Gründen etwas: „Volle Wartezimmer sind ein Bazillen- und Viruspool und daher bestens geeignet, wenn man krank werden möchte“, so der Arzt. Außerdem sei die Warterei ein volkswirtschaftliches Übel, da Berufstätige mehrere Stunden am Arbeitsplatz fehlen. Daher sucht Fritz stets nach neuen kreativen Ideen für seine Praxisorganisation und nutzt intelligente Terminsoftware. Die Einschätzung einiger Patienten und auch Ärzte, ein volles Wartezimmer zeuge von einem kompetenten Mediziner, hält er für „puren Aberglauben“. „In meinen Augen sind manche Ärzte nur zu unwissend oder bequem, um ihre Betriebsabläufe zu hinterfragen“, ist Fritz überzeugt.

Das sieht Hans-Jürgen Boldt anders. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betreibt seit zwölf Jahren eine Praxis in Charlottenburg. Einen Ersttermin bekommt man bei ihm etwa in drei Monaten. Und in der Praxis müssen seine Patienten dann oft noch mal rund eine Stunde warten. Zum einen, weil Boldt viele Multiple-Sklerose-Patienten hat, bei denen es öfter zu akuten Schüben mit aufwendigen Untersuchungen kommt. Und auch, weil sein Fachgebiet die Planung mit 15-Minuten-Zeitfenstern nicht immer zulässt. Zum Beispiel bei schwer depressiven Patienten, die bei akuter Suizidgefährdung längere Gespräche brauchen. Aber vor allem komme es zu Wartezeiten, weil der Versorgungsdruck, der heute in Berlin auf Neurologen und Psychiatern laste, immer größer werde, so Boldt. „Und nicht etwa, weil wir Privatpatienten rechtswidrig bevorzugen würden“, wehrt sich der Arzt gegen einen gängigen Vorwurf. Für Private gebe es nämlich Extrasprechstunden. „Es kommen einfach immer mehr Patienten.“ Seine Patienten würden die Wartezeiten aber als kleineres Übel in Kauf nehmen. „Sie wissen, dass ich dann auch ihnen in Ruhe zuhören werde und dabei nicht heimlich auf die Uhr schaue”, so Boldt.

Gern auf die Uhr guckt wiederum Georg Schönleber. Der Gynäkologe hat für seine große Praxis in Steglitz ein Zeitmanagement-System entwickelt, das Patienten mit unterschiedlichen Bedürfnissen von vornherein verschieden lange Sprechzeiten zuweist. Außerdem wird stets genau notiert, wann ein Patient die Praxis betritt, wie lange die Behandlung dauert und wann er die Praxis wieder verlässt. Und er hat für Kritik ein offenes Ohr. „Das alles war ein Lernprozess, denn früher hatten wir häufig Beschwerden wegen langer Wartezeiten“, erzählt Schönleber. „Ich habe gelernt, dass man daran etwas ändern kann“, sagt der 57-Jährige.

Wer Kritikfähigkeit in einer Praxis vermisst, hat die Möglichkeit, die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner, seine Krankenkasse, die Ärztekammer Berlin oder die Kassenärztliche Vereinigung zu informieren, wo Beschwerden nachgegangen wird. Die AOK stellt Mitgliedern ab 2011 im Internet einen „Arztnavigator” (www.aok-arztnavi.de) zur Verfügung, der auch über durchschnittliche Wartezeiten in den von den Patienten bewerteten Praxen informiert, weitere Kassen wollen sich dem Angebot anschließen.

Nur bedingt könnten Praxen mit einem hohen Anteil nicht planbarer Arbeit ihre Zeitabläufe optimieren, wendet Thomas Georgi ein. Zusammen mit zwei Kollegen betreut der Hausarzt in seiner Praxis in Prenzlauer Berg bis zu 2700 Patienten pro Quartal. Gerade in witterungsbedingten Stoßzeiten komme es schon mal zu Wartezeiten. „Das ist unvermeidbar, da ich als Hausarzt oft viele Patienten mit akuten Problemen versorgen muss“, sagt Georgi. Einen Tipp, was man selbst als Patient schon bei der Terminauswahl tun könnte, hat er aber doch. Morgens zwischen acht und neun. Da sei Prenzlauer Berg noch nicht komplett erwacht.

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