Berlin : „Hochgeehrter Herr“

Wie ein Originalbrief von Mendelssohn-Bartholdy im Schuhschrank auftauchte

Carsten Niemann

Vierundvierzig? Nein, korrigiert Klaus Jeschke: vierundsechzig Paar Schuhe waren es, unter denen er den Schatz entdeckt hat – er hat sie genau nachgezählt. Die Schuhe gehörten seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau, der Berliner Schauspielerin Christa Oenicke-Jeschke. Und wer heute die Zehlendorfer Villa des Paares betritt, der wundert sich auch nicht mehr, dass der Fund so lange hatte verborgen bleiben können. Armeen von freundlichen Teddys bewachen die Schränke, an den Wänden hängt Antikes neben Schnurrigem: Fotos und Erinnerungsstücke aus einem bewegten Schauspielerleben.

Etwas lag Christa Oenicke-Jeschcke dabei besonders am Herzen: Es ist die aus Zucker gefertigte Reliefdarstellung ihres Ururgroßvaters, des Opernsängers Friedrich Richter. Und manchmal, wenn die Rede auf dieses Porträt kam, so erzählt Jeschke, erwähnte seine Frau eben auch „diesen Brief von Felix Mendelssohn-Bartholdy“, den sie besitze. Aber trotz Nachfragen von Jeschke konnte oder wollte sich die Künstlerin nicht daran erinnern, wo das Kleinod geblieben sei. Nun aber hat er den Brief des 1809 in Berlin geborenen großen Komponisten doch gefunden. Mit eine schlichten Handbewegung zieht er das kleine gelbliche Papier mit der hellen braunen Tinte aus dem blauen Plastikordner hervor, wo es unter vergilbten Rezensionen und Auftrittsfotos die letzten Jahre ruhte. Leicht ist das Schriftstück nicht zu entziffern, doch zum Glück musste Jeschke die alte deutsche Schrift noch in der Schule lernen.

Und noch eine weitere anwesende Verwandte erweist sich als schriftkundig: Elke Alberts. Sie ist Urenkelin des Sängers und Lehrerein und bringt die alte Schrift noch heute ihren Schülern bei.

Geschrieben hat Mendelssohn-Bartholdy den Brief 1838, als er Gewandhauskapellmeister in Leipzig war. Adressat des Briefes aber war niemand anderes als Friedrich Richter: der in Zucker gegossene singende Vorfahr von Jeschkes Frau. Über den Sänger hat die Familie mittlerweile auch einiges herausgefunden. So hatte Richter, als er Mendelssohns Brief erhielt, gerade die Rolle seines Lebens übernommen: Er war der erste Zar in der heute noch beliebten komischen Oper „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing.

Mit dieser Rolle dürfte er dann wohl auch Mendelssohn-Bartholdy beeindruckt haben. Und so bittet der Komponist mit dem Brief den „Hochgeehrten Herrn“ im nächsten Abonnementkonzert unter seiner Leitung aufzutreten. Allerdings bittet er Richter nicht um eine Kostprobe aus „Zar und Zimmermann“, sondern um ein Duett aus der Oper „Die heimliche Ehe“des Mozart-Zeitgenossen Domenico Cimarosa – damals eine ziemliche Rarität, aber Mendelssohn hatte gerade damit begonnen, seine Mitbürger in so genannten „historischen Konzerten“ an ältere Meisterwerke heranzuführen. „Sie thäten“, betont Mendelssohn in dem Brief denn auch, „der Sache und uns allen einen wesentlichen Gefallen“.

Über den Sohn des Opernsängers, der als Staatssekretär des Kaisers nach Berlin ging, ist der Brief dem 1847 in Berlin gestorbenen Mendelssohn in seine alte Heimatstadt nachgereist. Und hier will Jeschke ihn auch würdig bewahren – vielleicht als Leihgabe für eine Institution wie das Mendelssohn-Archiv, das den größten Teil des Nachlasses der Mendelssohns beherbergt.

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