Berlin : Hochsaison für Herbstmäntel

Viele Händler bleiben auf ihrer Sommerware sitzen

Marc Neller

Ein Sonnabend wie dieser, Doritt Körzel bekommt eine Lieferung: Sechs Kartons mit Secondhand-Ware und Musterkollektionen. Strick- und Kapuzenjacken und die Mustersachen für den Herbst, die sie in Ruhe auspacken wollte. Sie kam nicht dazu. Ihre Kunden haben die Sachen direkt aus den Kartons heraus gekauft. „Ruckzuck war alles weg“, sagt Doritt Körzel.

Was die junge Frau in ihrem Bekleidungsladen in der Kreuzberger Oranienstraße erlebt hat, ist in diesen verregneten Junitagen kein Einzelfall. Die Umsätze mit Sommerartikeln sinken, so scheint es, mit den Temperaturen. „Dass dieser Sommer ein schlechter ist, merkt man sehr deutlich an den Sachen, die gekauft werden“, sagt Doris Boehnke, 38. Dicke Pullover und lange Hosen statt T-Shirts und Shorts seien es, sagt die Leiterin der Karstadt-Bekleidungsabteilung in Tegel. Auch in der Peek&Cloppenburg-Filiale in der Tauentzienstraße gehen schon Mäntel und dicke Freizeitjacken über die Ladentheke. „In Mengen, die vergangenes Jahr um diese Zeit nicht denkbar gewesen wären“, da ist sich Verkaufsleiter Sascha Erven sicher. „Wir haben inzwischen auch schon Reste der Herbstware 2003 aus den Lagern geholt.“ Die Kurzarmhemden, noch im vergangenen Jahrhundertsommer ein Renner, sind echte Ladenhüter. Stattdessen werden Hemden und Blusen mit Langarm verlangt.

Anders als viele Einzelhändler und Filialen kann Erven kurzfristig bei den Herstellern umbestellen – eine Möglichkeit, die gerade kleinere Bekleidungsgeschäfte selten haben. Die Vororder ist gelaufen, die festgeschriebenen Mengen müssen abgenommen werden. Viele Hersteller sind in diesem Punkt unnachgiebig. Anderen, deren Geschäft vom Sommer abhängt, bereitet das schlechte Wetter ähnliche Sorgen wie dem Bekleidungs-Einzelhandel. Eisdielen-Betreibern und Biergartenbesitzern etwa.

Sommerkrisenfest scheint dagegen der Verkauf von Garten- und Grillzubehör. Zwar haben die drei Berliner Ikea-Möbelhäuser die Werbung mit Gartenbänken und Grilltischen eingestellt. Allerdings nicht, weil es aussichtslos wäre. „Wir hatten großes Glück“, sagt PR-Leiter Ingo Sturies. „Die Leute haben sich Anfang April eingedeckt, sodass jetzt gar nicht mehr so viel übrig ist.“ Ähnliches ist aus den Gartenabteilungen der Baumärkte zu hören. „Wenn man das Wetter sieht, läuft das Geschäft ganz gut. Wir verkaufen mehr Möbel aus wetterfestem Teakholz. Und billige Grills, um die es nicht schade ist, wenn sie rosten“, sagt Helga Heidersbach, Verkaufsleiterin bei Obi in Prenzlauer Berg. Für ihren Umsatz reiche es, wenn es an den Wochenenden mal schön werde.

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