Berlin : Hochwasser bedroht 15 000 Menschen

Behörden bereiten Evakuierung des Oderbruchs vor. Sorge vor plötzlichem Tauwetter wächst Ministerpräsident Platzeck steigt wieder auf die Deiche

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Oderwacht. Matthias Platzeck und Landrat Gernot Schmidt in Hohensaaten. Foto: dpa
Oderwacht. Matthias Platzeck und Landrat Gernot Schmidt in Hohensaaten. Foto: dpaFoto: dpa

Hohensaaten - Die Botschaft an rund 15 000 Einwohner der Orte zwischen Hohensaaten, Oderberg, Bad Freienwalde, Wriezen und dem angrenzenden Oderbruch klingt wenig verheißungsvoll. „Sie müssen sich wegen des Hochwassers der Oder auf eine mögliche Evakuierung ihrer Siedlungen einstellen“, sagt der zuständige Landrat des Kreises Märkisch-Oderland, Gernot Schmitt. „Alles hängt vom Wetter ab.“ Nach einer kurzen Pause fügt er am Deich bei Hohensaaten, rund 90 Kilometer nordöstlich Berlins gelegen, seine gerade aus dem Internet gezogenen Prognosen an. „Es könnte schrecklich werden, wenn wir tatsächlich schlagartig ein kräftiges Tauwetter mit Temperaturen um 10 Grad erhalten würden.“ Dann schmelze die hohe Schneedecke und die ohnehin schon übervolle und mit Eisbarrieren bestückte Oder könne die Wassermassen nicht mehr in ihrem Bett halten.

Der Landrat bemüht sich im Gespräch, jeden Anflug von Panik zu vermeiden. „Bisher haben wir die Lage im Griff, aber das Wetter ist eben unberechenbar“, meint Schmitt, der sich am liebsten geringe Plusgrade am Tage und leichten Frost in der Nacht wünscht. „Noch soll niemand seine Koffer packen, aber in zwei Tagen könnte es so weit sein.“ Ein Deichläufer, der so wie mehrere Dutzend andere Helfer Tag und Nacht die Lage beobachtet und eventuelle Schadstellen sofort meldet, bringt die neuesten Pegelstände: Auf 7,13 Meter ist die Oder bei Hohensaaten wegen des Eises angestiegen. Das sind 63 Zentimeter mehr als die Marke für die Ausrufung der höchsten Hochwasseralarmstufe. Beim großen Sommerhochwasser 1997, als in der Gegend nur noch zusätzliche Sandbarrieren ein Überschwappen des Wassers über den Deich verhinderten, waren 7,46 Meter gemessen worden.

„Leider ist ein Hochwasser im Winter noch weniger berechenbarer als im Sommer“, gibt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck zu Bedenken, der sich am Nachmittag selbst ein Bild von der nach seinen Worten „bedrohlichen Situation“ machte. „Zum Glück halten aber die sanierten Deiche dem Druck des Wassers noch stand.“ Die größten Hoffnungen würden jetzt in einen Erfolg der Eisbrecher gesetzt.

Diese konnten aber am Mittwoch erneut nicht von Stettin aus der dicken Eisdecke auf dem Fluss zu Leibe rücken. Ihre mühsam zerkleinerten Eisbrocken froren bei den niedrigen Temperaturen sofort wieder zusammen. Der Weg ins Oderhaff und später in die Ostsee muss für das Eis und das viele Wasser aber spätestens beim Einsetzen des Tauwetters frei sein. „Sonst läuft die Oder einfach über und steht kurze Zeit später in den niedriger gelegenen Orten“, beschreibt der Chef des Landesumweltamtes, Matthias Freude, das Dilemma. „Von Stettin bis zum Oderbruch brauchen die Eisbrecher rund anderthalb Tage. Hoffentlich kommen sie bald durch.“ Sieben polnische und sechs deutsche Schiffe wollen am Donnerstag mit der Kraft ihrer 1100 PS starken Motoren einen neuen Anlauf wagen. Eine Bombardierung der Eisdecke, wie sie in den Jahren 1940 von der Wehrmacht und 1947 von sowjetischen Jagdfliegern praktiziert wurde, kommt diesmal kaum in Frage. „Dann müsste schon die ganze Strecke von Stettin bis zum Oderbruch freigemacht werden“, sagt Professor Freude. Bisher setzt die Region deshalb auf die oft wundersame Wirkung der Sandsäcke auf und an den Deichen. 20 000 sind in den vergangenen Tagen gefüllt worden.

Die Bewohner des Oderbruchs leiden schon seit Herbst unter den hohen Niederschlagsmengen. Fast in jedem Ort stehen hier Keller und Grundstücke unter Wasser. Eine Überflutung des Oderbruchs hätte katastrophale Auswirkungen. Schon nach dem Hochwasser im Sommer 1997 war eine Räumung des einst unter Preußenkönig Friedrich II. trockengelegten Gebietes diskutiert worden. Damals konnte eine Überflutung in buchstäblich letzter Sekunde verhindert werden. Doch die Einwohner sprachen sich mehrheitlich gegen eine Umsiedlung aus und verwiesen auf das vermeintlich einzigartige „Jahrhunderthochwasser“. Jetzt droht das nächste Unglück.Claus-Dieter Steyer

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