Hochzeitsstress im Umland : Bräute raus aus Brandenburg!

Rote Herzchen im Foyer, Feierlärm bis in die Frühe: Die Hotels im Umland sind fest in der Hand von Brautpaaren, für Nicht-Hochzeitler ist kein Platz in der Herberge. Ein Appell an die lieben Liebenden.

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Heiraten auf dem Land - nur was für Strohköpfe?
Heiraten auf dem Land - nur was für Strohköpfe?Foto: dpa

Meckern hin oder her: Im Grunde ist der Berliner recht zufrieden mit seiner Stadt. Doch dann, im Frühsommer, kommt ihm in den Sinn, dass die Metropole ja auch ein schönes Umland hat. Auf nach Brandenburg, denkt er sich, mal ins Grüne und die Beine baumeln lassen von einem Steg im See. Damit sich’s lohnt, soll es ein ganzes Wochenende sein. Aber wo kommt der Ausflügler jetzt unter? Eine spartanische Frühstückspension mag ihn noch aufnehmen, aber ein Schlosshotel oder eine ausgesuchte Herberge am See? Fehlanzeige. In vielen schönen Unterkünften sind die Nächte von Freitag bis Sonntag längst vergeben – bis Oktober. Sie brauchen nur im Internet auf die jeweiligen Belegungspläne zu schauen. Rote Balken, wohin man blickt, und dazu die Erklärung: „Leider ausgebucht.“

Um Himmels willen, kein klitzekleines Zimmerchen mehr frei? „Nein“, sagt ein Hotelier, „bei uns ist alles belegt.“ Der Grund – wie bei seiner Konkurrenz: Hochzeiten. Ist ja auch alles so praktisch in Brandenburg. Ein Kapellchen ist oft in der Nähe, eine Hochzeitskutsche lässt sich leicht auftreiben, und das Ambiente vieler Hotels in 1-A-Naturlage: zum Niederknien.

Bald nach der Wende bahnte sich die Entwicklung an. Die Besitzerin eines Schlosshotels im Oderbruch verfrachtete uns in ein abgelegenes Zimmer im Seitenflügel. „Da werden Sie von den Feiern nicht allzu viel mitbekommen“, versprach sie. Nun ja, gegen drei Uhr morgens verstummte die Musik, und irgendwann hatten alle Hochzeitsgäste erfolgreich die Türen hinter sich ins Schloss geschlagen. Die Frau entschuldigte sich am Morgen auch für all die roten Herzen im Foyer und für die rosafarbenen Luftballons, die am hölzernen Treppengeländer baumelten. Die Dekoration brauche sie von Mai bis Ende September eigentlich nicht abzunehmen. „Brautpaare mögen das so.“ Als man das Haus erwarb, habe man eigentlich ein gediegenes Schlosshotel führen wollen. „Doch unversehens sind wir ein Hochzeitshotel geworden.“ All der Kitsch werde ihr schon zu viel, aber was soll’s? Hochzeiten liefen einfach bombig.

Die ganze Region ist eine einzige Hochzeitszone

Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Die ganze Region ist mittlerweile eine einzige Hochzeitszone. Dass Paare in der schönen Saison heiraten wollen, ist verständlich. Aber warum müssen sie dazu mit Freunden und Verwandtschaft die Brandenburger Wochenenden okkupieren? „Hochzeitshotels gibt’s nicht in unserer Statistik“, sagt Birgit Kunkel vom Tourismus-Marketing Brandenburg, „wir haben nur Hotels, die auch Hochzeiten ausrichten.“ Alle eben.

In einem Hotel, das aus mehreren Gebäuden besteht, ergatterten wir ein Zimmer, weitab vom Tanzvergnügen. Nach ewig langen Fotoshootings am See durften wir sogar zur Badestelle. Nur das Frühstück am Sonntag war schwierig. Kein Plätzchen frei. Die Gäste des Brautpaares waren, den Autokennzeichen nach, von weither angereist. Und sie hatten keine Eile, aufzubrechen. „Es ist traumhaft schön in dieser Gegend“, sagte ein Mann. So blieben sie sitzen, war ja so nett in großer geselliger Runde im Frühstückssaal. Wir stürzten unseren Kaffee hinunter – und wollten nicht weiter stören.

„Wenn wir eine Hochzeitsgesellschaft haben, geben wir an andere Gäste keine Zimmer ab, auch wenn wir noch zwei, drei frei haben“, sagt ein Hotelier im Fläming. Die einen wollten feiern, die anderen ausruhen – das passe einfach überhaupt nicht zusammen. Da hat er wohl recht.

Aber wo bleiben wir nun? Die ganz normalen Berliner, die einfach ein sonniges Wochenende auf dem Land verbringen wollen? Wir fordern hochzeitsfreie Hotels. Es muss doch Häuser geben, die sich diesem ganzen Sums verschließen! „Ab Ende Oktober können wir Ihnen wieder was anbieten“, tröstete ein Hotelier. Nichts da! Den ganzen Winter werden wir trotzig alle Rabatte ignorieren. Zum halben Preis in die Uckermark, Kaminknistern inklusive? Vergesst es. Wenn ihr um uns buhlt, werden wir uns in Berlin verschanzen. So lange, bis in Brandenburg ein Schild steht: „Leider kein Hotel für Hochzeiten.“

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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