Berlin : Höchste Eisenbahn an den Schaltern

Für die alte Bahncard stehen die Kunden stundenlang an – diesen Ansturm beim Start des neuen Preissystems hat das Unternehmen nicht erwartet

Matthias Oloew,Jörg-Peter Rau

Von Matthias Oloew

und Jörg-Peter Rau

Die Kunden der Bahn AG trauen dem neuen Preissystem nicht. In den Tagen, bevor die Bahn ihre Tarife umstellt, stehen die Fahrgäste am Schalter an: für die alte Bahncard. Wer sie noch heute kauft, sichert sich für ein volles Jahr einen Rabatt von 50 Prozent und muss nicht vorbuchen. In den Bahnhöfen gehen bereits die Antragsformulare aus. Die langen Schlangen entstehen aber auch, weil zeitgleich die Fahrkarten für den Weihnachtsverkehr verkauft werden. Bahn- Sprecher Burkhart Ahlert bezeichnet die Situation an den Schaltern in Berlin als „sehr angespannt“. In den nächsten Tagen sollen alle Mitarbeiter beim Verkauf eingesetzt werden und Auszubildende den Kunden helfen, die ihre Tickets am Automaten kaufen.

In den Bahnhöfen müssen die Kunden derzeit stundenlang warten. Auch in den Reisebüros mit DB-Lizenz gehen die alten Bahncards besser als die neuen. Nora Tünschel vom Reisebüro Ehlert in Schöneberg wundert das nicht: „Die Kunden wollen flexibel bleiben.“ Ein Fahrschein mit der alten Bahncard sichert auch kurz entschlossenen Kunden den Bonus von 50 Prozent; man ist nicht auf einen bestimmten Zug festgelegt und kann die Tickets bis einen Tag vor Antritt der Fahrt kostenlos zurückgeben. Das alles ist bei der neuen Bahncard nicht mehr drin. Auch für eine Fahrt Berlin – Köln – Hamburg – Berlin beispielsweise könnte sich die alte Bahncard lohnen. Denn für solche Triangel-Reisen gibt es nach dem neuen Preissystem grundsätzlich einen Rabatt von nur höchstens zehn Prozent. Allein am Freitag hat Tünschel zehn alte Bahncards verkauft.

Um auf den Ansturm in den Bahnhöfen zu bewältigen, will die Bahn am Wochenende sogar Mitarbeiter aus der Verwaltung abziehen und im Fahrscheinverkauf einsetzen. Bahn-Sprecher Ahlert sagte, der „langatmige Verlauf“ an den Schaltern entstehe, weil die Kunden einen „besonders hohen Beratungsbedarf“ haben. Viele Kunden sind über die Details des neuen Preissystems noch nicht im Bilde. Auch dass Vergünstigungen wie der Sparpreis und das Guten-Abend-Ticket am Sonntag ersatzlos wegfallen, hat sich nicht überall herumgesprochen.

Besonders beliebt ist die alte Bahncard bei Schülern, Studenten und Rentnern, die die Karte für 70 statt 140 Euro erhalten. Die neue Bahncard kostet zwar nur 60 Euro, sichert aber nur einen Preisvorteil von 25 Prozent. „Ich hole mir die alte Karte, damit ich auch spontan zum halben Preis fahren kann“, sagte Hannelore Schmidt, die am Bahnhof Zoo in der Schlange stand. Die Rentnerin aus Tempelhof fährt regelmäßig zu ihren Enkeln nach Dessau. Mit der neuen Bahncard, die für sie nur zehn Euro billiger wäre, würde sie pro Fahrt 12,60 Euro bezahlen. Mit der alten Bahncard sind es nur 8,40 Euro. Rabatte durch Frühbuchen interessieren sie nicht: „Ich weiß doch oft gar nicht, wie lange ich überhaupt bleibe.“

Nicht alle Kunden reagierten in der Warteschlange so gelassen wie die Rentnerin. „Unverschämt“, schimpft ein älterer Mann: „Ich will nur eine Fahrkarte für Heiligabend nach Hamburg. Das dauert eine Minute. Und nun stehe ich schon eine halbe Stunde.“ Er fragt sich, warum die Bahn ihre Tarife ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten umstellen müsse, wenn an den Schaltern ohnehin die Hölle los sei – und hat die Antwort auch schon parat: „Denen geht es doch nur ums Geldverdienen.“ Die neuen Tarife sind auf jeden Fall Gesprächsthema Nummer eins beim Schlangestehen am Zoo.

70 Prozent der in den letzten Wochen verkauften Bahncards entfallen auf das alte Modell, sagt Nora Tünschel vom Reisebüro Ehlert. Die Nachfrage nach den alten Bahncards dürfte in der Tat einiges in die Bahn-Kassen gespült haben: In den Reisezentren stapeln sich die kopierten Antragsformulare – die gedruckten sind schon lange alle.

DB-Reisezentren: Zoo und Ostbahnhof täglich 5.30 bis 22 Uhr; Friedrichstraße, Alexanderplatz, Spandau und Wannsee 6 bis 22 Uhr, Lichtenberg 6.30 bis 22.30 Uhr. Tickets und Bahncards gibt es heute auch in allen Reisebüros mit DB-Lizenz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben