Berlin : Höfisches zum Sitzen und Liegen

Das Ehepaar Nipa Doshi und Jonathan Levien verbindet traditionelle indische Handwerkskunst mit italienischem Design

Rolf Brockschmidt

Ein Charpoy, das übersetzt „vier Beine“ bedeutet, ist ein einfaches indisches Bett: ein Holzgestell mit einem Geflecht aus Seilen und einer Matratze. Die Inder nutzen das Charpoy – auf Hindi spricht es sich Charpai aus – auch als Tagesliege. Genau diesen Typ von populärem Möbel hatten Nipa Doshi und ihr Ehemann Jonathan Levien vor Augen, als sie von Patricia Moroso gebeten wurden, für ihr Label Möbel zu entwerfen.

Nipa Doshi, Jahrgang 1971, stammt aus Bombay. Sie war geprägt durch ihren Vater, der handgearbeitete Möbel sammelte, Wert auf korrekte Kleidung und Tradition legte. Bereits mit 17 Jahren schrieb sie sich am National Institute of Design in Ahmedabad ein, an dem sie 1994 ihr Diplom ablegte. In London besuchte sie anschließend das Royal College of Art, wo sie den ein Jahr älteren Jonathan Levien kennenlernte. Seine Familie besaß eine Spielzeugfabrik in Schottland – industrielle Fertigung war etwas, das ihn faszinierte. So lernte er zunächst Möbeltischler, empfand aber das Handwerkliche zunehmend als einengend und entschied sich daher für ein Designstudium am Bucks College in High Wycombe.

Nach ihrer Zeit am College heirateten die beiden und gründeten 2000 das Designbüro Doshi Levien in London. Dort entwarfen sie Gebrauchsgüter, unter anderem für Tom Dixon von Habitat. Zu Hause zu sein sowohl in der östlichen als auch westlichen Kultur ist der Schlüssel zu ihrer Arbeit und zu ihrem Erfolg, ein Potenzial, das die Designfirma Patricia Moroso für sich nutzte .

So erfand das Ehepaar das indische Bett Charpoy neu. Es ruht auf einem massiven Gestell aus Buche, das schwarz lackiert ist und dadurch einen westlichen Design-Touch erhält. Was aber dem Betrachter ins Auge springt, ist die Auflage. Die kunstvoll bestickte Matratze bildet einen schönen Kontrast zum dunklen Untergestell. Sie gibt es in quadratischer und rechteckiger Form, wobei man bei dem schmaleren Rechteck eher an eine Sitzbank als an ein Bett denkt. Der Bezug der Auflage ist einfarbig oder gestreift. In der Mitte fällt das dominante Kreuzmuster auf, das entweder gerade oder querliegend aufgestickt ist. Dieses Muster ist sehr dekorativ und wirkt wie ein Label. Aber es ist mehr. Das Kreuzmuster stellt den Spielplan des alten indischen Brettspiels Chaupar dar, das bereits im 4. Jahrhundert vor Christus vorwiegend bei Hofe gespielt wurde. Jeweils zwei Spieler bilden ein Team und spielen so in zwei Gruppen gegeneinander. Seine einfachere Variante ist Parcheesi und auch das deutsche „Mensch-ärgere-dich-nicht“ ist mit dem Chaupar verwandt.

Mit der Verwendung des höfischen Spiels Chaupar als Muster haben Doshi Levien gezeigt, dass sie es mit der Brücke zwischen den Kulturen ernst nehmen. Um den Seidenbezug der Matratze zu fertigen und zu besticken, ist Nipa Doshi nach Indien gereist, um Frauen zu finden, die die gewünschte Qualität liefern können. Denn Indien kann auf eine reiche Tradition in der Textilverarbeitung zurückblicken. Mit den Charpoys für Moroso wird auch ein Teil dieser Tradition bewahrt. Die beteiligten Frauen in den indischen Dörfern haben die Matratzen jeweils mit ihrem gestickten Namen in Hindi signiert und mit dem Datum der Herstellung versehen. So ist jede Matratze ein Unikat, das von der hohen Handwerkskunst Indiens zeugt. Für westliche Designansprüche steht das industriell gefertigte solide Gestell aus Italien. Beides zusammen geht eine faszinierende Symbiose aus Ost und West ein.

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