Berlin : Höhenflüge

Thomas Lackmann

Familienausflug zum ganz großen Denkmal. Vater, Mutter, der Große (3) und der Kleine (1). Es ist, meinen kluge Leute, das – negative – Denkmal der Nation. Die Stimmung ist positiv. Der Große läuft zwischen den Stelen. Man sieht sich nicht, wenn man nah beieinander ist. Das ist lustig. Macht nachdenklich. Der Kleine steckt Schottersteinchen in den Mund. Vater grübelt, wie viele Stelen das sind; wie viele Pflastersteine, Schottersteinchen ... Da wird man schwindelig. Die Kinder werfen Steinchen zum Keller runter. Stopp, sagt Vater. Wohin gehen die Leute, fragt der Große. Da wird eine Geschichte erzählt, druckst Vater. Keine Nachfrage. Hunger. Der Bagel von der Schmalzgebäck-Kette ist durchweicht, ungenießbar, aber wohl nicht antisemitisch gemeint. Lieber Safttrinken am Denkmal. Ist verboten, sagt Vater. Oh, sagt Mutter. Die Verwarnung bleibt aus. Entspanntes Nationaldenkmal.

Es ist früh am Tag. Wenige Passanten. Die Absperrung zum Nationalfeiertag formt aus dem Mahnmalterrain und dem Jahrmarktsaufmarsch am Platz des 18. März neben der Hochsicherheitsbaustelle US-Botschaft ein Spazierareal ungewohnter Übergänge. Brandenburger Tor und Sowjetisches Ehrenmal zwischen den Buden: wie Kulissen einer trashig-unpathetischen Patriotenfete. Eine ganz große Mühle, bestaunt der Große das Riesenrad. Beim Kinderkarussell fragen die Eltern: Darf der Kleine auch? Ihre Verantwortung, sagt die Karussellchefin. Könnten Sie schnell anhalten, fragt Mutter. Im Goofy-Wagen juchzt der Kleine hinterm Steuer, die Eltern zittern interventionsbereit auf beiden Seiten. Hast du gemerkt, wie das abhob, fragt Mutter den Großen, der vorne saß. Nein, er war in Gedanken. Höhenflüge, Absturzängste. Happy Holiday.

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