Berlin : Höhere Strafen für Schmutzfinken?

Stephan Wiehler

Seit mehr als einem Jahr patrouillieren die Kiezstreifen der bezirklichen Ordnungsämter durch die Stadt. Sie schreiben Knöllchen für Falschparker, jagen Wildgriller in Parks – und vielleicht treten sie selbst hin und wieder mal in einen Hundehaufen. Es erwischt schließlich jeden mal in Berlin, wo Tag für Tag 60 Tonnen Hundekot auf Bürgersteigen, Plätzen und in Grünanlagen anfallen. Und das trotz der Hilfssheriffs, die sich auch um diese Schandflecken und ihre Verursacher kümmern sollten. Aber mit guten Worten und kleinen Bußgeldern scheinen Herrchen und Frauchen nicht braver zu werden – oder zur Plastiktüte zu greifen. Es geht auch anders, wie die Beispiele Hamburg oder München zeigen. Dort drohen Haltern, die den Dreck ihrer Hunde liegen lassen, hohe Bußgelder, ebenso wie Passanten, die ihre Kippen oder anderen Abfall einfach fallen lassen. Und es scheint zu funktionieren. Berliner sind nicht schmuddeliger als der Rest der Republik, aber mindestens so nachlässig und bequem wie andere – solange es nicht weh tut. Höhere Strafen sind nicht nur einen Versuch wert, sie haben auch einen lohnenden Nebeneffekt für die knappe Stadtkasse. 60 Tonnen – da liegt viel Geld auf der Straße, mit dem sich viele Kiezstreifen bezahlt machen könnten. Keine Bange: Auch eine saubere Metropole kann Weltstadt sein.

Mit Geld kann man alles regeln, meinen manche. Und wollen, dass die Berliner fürs Zigarettenkippen wegschnippen oder Hundehaufen liegen lassen nicht nur 35 Euro, sondern doppelt und dreifach so viel zahlen müssen. Das hilft aber nicht, wie man in München sieht: Hier sind Dreck–Vergehen teurer, aber mehr Umweltsünder werden deswegen noch lange nicht ertappt. Das Problem ist nämlich nicht die scheinbar niedrige Strafe, sondern dass zu wenige Ordnungshüter sie zu lasch einfordern. Kiezstreifen können nicht immer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein. Zudem schreiben viele Ordnungsamtsmitarbeiter lieber rasch mal Falschparker auf, als das Herrchen eines Angst einflößenden Hundes anzusprechen. Das würden auch singapurianische Verhältnisse nicht ändern.

Wir brauchen etwas ganz anderes. Land, Bezirke, Sponsoren müssen mehr Gratis-Behälter mit Hundehaufen-Tüten aufstellen. Das funktioniert, wie man in anderen Städten sieht. Dann müssen öffentliche Kampagnen mit glaubwürdigen Persönlichkeiten her. Und jeder Einzelne von uns braucht mehr Zivilcourage, um Schmutzfinken selbst mal freundlich bestimmt zur Brust zu nehmen. Derlei Engagement kostet nichts und bewirkt beim Gegenüber vielleicht peinliches Berührtsein – oder im besten Falle sogar Einsicht. Annette Kögel

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