• Höheres Gehalt ist im Osten wichtiger als kürzere Arbeitszeiten In vielen Branchen gibt es aber schon einheitliche Bedingungen

Berlin : Höheres Gehalt ist im Osten wichtiger als kürzere Arbeitszeiten In vielen Branchen gibt es aber schon einheitliche Bedingungen

Sigrid Kneist

Die IG Metall will nach ihrem gescheiterten Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche für Ostdeutschland nun regional verhandeln, wie lange noch die Beschäftigten in Ost-Berlin drei Stunden mehr arbeiten müssen als ihre West-Kollegen. Dabei sind in Berlin inzwischen in vielen Branchen die Arbeitszeiten in Ost und West auf demselben Niveau: Ob auf dem Bau, im Versicherungsgewerbe, bei Banken oder Post, Bahn und Telekom – gearbeitet wird nach dem West-Tarifvertrag, der weniger Stunden vorsieht als der Vertrag für die neuen Bundesländer. Das Gleiche gilt für die Zigaretten- und Erfrischungsgetränkeindustrie, Bewag, Gasag sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe.

Andere Branchen sind davon aber nach wie vor weit entfernt. Nach der Niederlage der Metaller bringen die anderen Gewerkschaften das Thema Arbeitszeitangleichung derzeit nicht auf die Tagesordnung. Die Arbeitszeit bei gleichem Lohn generell zu verkürzen, sei heutzutage einfach nicht mehr in einem allgemeinen Tarifvertrag umzusetzen. „Wichtiger war ohnehin immer die Lohnangleichung“, sagt Arbeitsmarktexpertin Petra Meyer vom DGB Berlin-Brandenburg. Für die Beschäftigten sei es da zweitrangig, ob sie noch länger arbeiten müssten. Beispielsweise ist in der Chemie-Branche die Ost-West-Differenz beinahe so groß wie in der Metall-Industrie. Während die Beschäftigten bei Schering in Wedding die 37,5-Stunden-Woche haben, gilt bei Berlin-Chemie in Adlershof die 40-Stunden-Woche. Kleiner fällt der Unterschied bei den Beschäftigten im Einzelhandel aus. Auch wenn der Tarifvertrag die gleichen Gehälter vorsieht, arbeitet ein Angestellter im Westen 38 Stunden und im Osten 39 Stunden.

Zuletzt bemühte sich der Senat, die Arbeitszeiten anzugleichen. In den Verwaltungen und öffentlichen Einrichtungen des Landes wird überall 37 Stunden in der Woche gearbeitet. Möglich wird dies durch den Sonderweg zur Gehaltskürzung mit Freizeitausgleich. Eine einheitliche Wochenarbeitszeit für Ost und West war dabei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wichtig, auch wenn im Westen von einer 38,5 Stunden-Woche und im Osten von 40 Stunden ausgegangen und der weitere Freizeitausgleich unterschiedlich ausfallen wird.

Eine prekäre Situation findet man in Bundesbehörden und -ministerien. Wie lange die Angestellten dort arbeiten, hängt vom jeweiligen Standort ab. Das bedeutet 38,5 Stunden für die Ministerialangestellten im Westteil und 40 Stunden im Ostteil. Wer allerdings von Bonn nach Berlin gekommen war, für den gelten in jedem Fall die West-Zeiten, egal wo das Ministerium steht. Nach Angaben von Verdi werden in einigen Bundeseinrichtungen aber „flexible“ Regelungen praktiziert. Die Minister seien sich bewusst, welche Schwierigkeiten eine „Tarifmauer“ in den Amtsstuben schaffen könne. Durch Verwaltungstricks kommen somit in einigen im Ostteil gelegenen Ministerien alle Beschäftigten in den Genuss vom Westtarif mit kürzeren Arbeitszeiten.

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