Berlin : Hörspiel, Trauerspiel, Nachspiel

Der denkmalgeschützte Teil des DDR-Rundfunkgeländes an der Nalepastraße soll versteigert werden Die Mieter hoffen auf ein Ende der Unsicherheit, die mit dem Verkauf durch die öffentliche Hand begann

Stefan Jacobs

Am Montagabend war der Auktionator Mark Karhausen zu Besuch in der Nalepastraße. Wie ein gütiger Vater saß er unter einer Stehlampe in einem dieser für ihre Akustik berühmten Studios des DDR-Rundfunks in Oberschöneweide. Am 15. Juli will er einen Teil des riesigen Geländes am Ufer der Spree versteigern – jenen denkmalgeschützten Bereich, in dem die meisten der zurzeit rund 140 eingemieteten Handwerks-, Bau- und Medienfirmen ihr Quartier haben und rund 400 Menschen arbeiten, darunter die 70 Beschäftigten des Filmorchesters Babelsberg. Er werde nicht einfach das Objekt zum Mindestgebot von 300 000 Euro aufrufen, erklärte Karhausen den rund 50 versammelten Mietern. Sondern er werde hinzufügen, dass ein zweistelliger Millionenbetrag für die Sanierung und die Erhaltung als Medienstandort notwendig sei. Er habe Anfragen von sehr zahlungskräftigen Interessenten, die auch längerfristige Mietverträge als die zuletzt üblichen Dreimonatspapiere akzeptieren dürften, sagte der Auktionator. Wenn alles so laufe, wie es ihm vorschwebt, „dann wird hier ein anderer Wind wehen, der durchaus in Ihrem Sinne ist“.

Jetzt keimt wieder Hoffnung bei den Mietern auf dem halb verwilderten, 132 000 Quadratmeter großen Areal. Die Hoffnung resultiert nicht nur aus Karhausens warmen Worten, sondern auch aus der Erkenntnis, dass es kaum noch schlimmer werden kann. Manche nennen es Wirtschaftskrimi, andere Trauerspiel – und alle sind sich einig, dass die öffentliche Verwaltung es erst ermöglicht habe.

Seit der Abwicklung des DDR-Rundfunks nach der Wende gehörte das Areal den neuen Bundesländern und Berlin. Jahrelang zahlten sie monatlich mehr als 100 000 Euro Betriebskosten – bis es ihnen im Herbst 2005 zu bunt wurde: Die federführende Liegenschaftsgesellschaft von Sachsen-Anhalt, „Limsa“, verkaufte das komplette Areal samt Gebäuden (geschätzter Verkehrswert: 30 Millionen Euro) für 350 000 Euro an die „Bau und Praktik GmbH“, eine Baumaschinenvermietung aus Jessen in Sachsen-Anhalt. 350 000 Euro – das war auch die Summe, für die einen Monat zuvor auf öffentliche Kosten noch das Dach erneuert worden war. Und es ist auch etwa die Summe, die die Limsa jetzt von der Bau & Praktik einzuklagen versucht, weil die nach dem Kauf einfach keine Betriebskosten zahlte. Also war die Limsa eingesprungen, damit die Mieter nicht im Dunkeln und im Kalten saßen.

Inzwischen ist das Gelände in drei Bereiche geteilt worden: Ein durch ein Kraftstofflager kontaminierter und als schwer verkäuflich geltender Teil gehört nach wie vor der Bau & Praktik GmbH. Ein anderer, attraktiverer Teil ging an ein Unternehmen namens „Spree Development“. Dessen Geschäftsführer ist Nico Thiele, der Sohn des Ex-Chefs von Bau & Praktik. Thiele junior kündigt am Telefon große Pläne an: „Wir sprechen mit Investoren und stehen kurz vor dem Abschluss“, Näheres folge demnächst.

Große Pläne hatte auch die „Nalepa Projekt GmbH“, an die der denkmalgeschützte Teil des Geländes ging, der jetzt versteigert werden soll: Anfang des Jahres stellte sie dem Bezirk und der Senatswirtschaftsverwaltung ihr Konzept für eine „Music Entertainment Media City“ vor: 500 Millionen Euro, 1000 Jobs. Aber keine überzeugende Finanzierung und erst recht keine Ahnung von Bau- und Planungsrecht, sagen Beteiligte.

Der Chef der „Nalepa Projekt GmbH“ ist zufällig derselbe, der als Vorstandsvorsitzender der jetzigen Hausverwaltung auf dem Gelände agiert. Auf ihrer Homepage präsentiert die Firma neben ihrem geplatzten Media-Projekt als weitere Vorhaben das größte Riesenrad der Welt (Moskau) und den höchsten Leuchtturm der Welt (Dubai). Als Hausverwaltung ist sie dem Intendanten des Filmorchesters Babelsberg, Klaus-Peter Beyer, zuletzt dadurch aufgefallen, dass sie seinen Regieraum ohne Absprache an ein Gastorchester vermieten will. „Das wäre, als würden in einem Raum drei Fernseher laufen“, sagt Beyer, dessen Orchester seit dem Eigentümerwechsel schon mehrere Mietvertragskündigungen bekommen hat.

Wer auch immer das Areal übernehmen wird: Die Berliner Wirtschaftsverwaltung will übers Planungs- und Baurecht dafür sorgen, dass „das Gelände nicht nach dem Prinzip der Rosinenpickerei vermarktet wird“, also eine Strohmann-Firma die Studios teuer vermietet, während nebenan die GmbH mit dem kontaminierten Boden in die Pleite geschickt wird. Der Senat ist auch sauer auf die Limsa, die „den offensichtlich schlechten Vertrag“ – ohne Verpflichtung zur Substanzerhaltung und ohne Spekulationsfrist – gemacht hat. Limsa-Chef Hans-Erich Gerst kontert: Berlin habe es 15 Jahre lang versäumt, selbst einen Investor zu finden. Angesichts der horrenden Betriebskosten „gab es nur eins: verkaufen“, sagt Gerst.

„Genau so sieht der Vertrag auch aus“, heißt es beim Senat. Er hat gar die Stornierung des Deals prüfen lassen. Ergebnis: zu spät, und vor den anderen neuen Ländern (denen 91,5 Prozent gehörten) nicht zu rechtfertigen.

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