Berlin : "Hörstelle Berlin": Eine akkustische Zeitreise an historischen Originalschauplätzen

Friederike Böge

"Freiheit, Freiheit"-Rufe sind zu hören. Applaus. Die Menschenmasse jubelt. "Am glücklichsten bin ich, dass wir diesen Sieg errungen haben, wir die Männer und Frauen Berlins, ohne dass ein Blutstropfen von unserer Seite gefallen ist", klingt es aus dem Lautsprecher. Mit einem Pathos, der einem die Gänsehaut auf die Arme treibt. Es ist die Stimme der ehemaligen Berliner Oberbürgermeisterin Louise Schröder, die da aus dem Lautsprecher vor dem Schöneberger Rathaus drängt. Doch der Platz vor dem Rathaus ist leer. Zu sehen ist nur der Freitagnachmittagverkehr, der sich über die Martin-Luther-Straße quält. Und dieser etwas merkwürdig anmutende gelbe Lautsprecher, aus dem die Rede Louise Schröders klingt, die sie auf dem Rathausvorplatz vor 51 Jahren, am 12. Mai 1949, zum Ende der Berlin-Blockade gehalten hat.

Sechs solcher Lautsprechergeräte stehen ab heute an unterschiedlichen Orten in der Stadt. Aus jedem von ihnen erklingen auf Knopfdruck Ausschnitte von geschichtsträchtigen Reden und Radioreportagen von historischen Ereignissen, die an diesem Ort stattgefunden haben. Das Ganze steht unter dem Motto "Hörstelle Berlin" und ist ein Projekt des Deutschen Technikmuseums Berlin. "Die Stadt verändert sich seit dem Mauerfall unaufhaltsam, und wichtige historische Spuren drohen verloren zu gehen", sagt der Projektleiter Josef Hoppe. Deshalb hat sich das Museum auf eine akkustische Spurensuche in den Archiven des Deutschlandradios begeben.

Am Brandenburger Tor wird man per Knopfdruck in das Jahr 1961 zurückversetzt. "Seit etwa ein Uhr heute nacht rattern die Pressluftbohrer und bohren einen Graben quer durch die Ebertstraße", ruft der RIAS-Reporter Erich Nieswandt in sein Aufnahmegerät. Die Mauer wird gebaut. "Die Polizisten schauen herüber, ja sie lächeln sogar", sagt Nieswandt ungläubig. Noch ein Knopfdruck, und Ronald Reagan ruft dort hinüber, wo eben noch die Volkspolizisten standen: "Mister Gorbatschow, open this gate."

Auf dem Schlossplatz kann man Moderneres hören - Gregor Gysi: "Das Parlament hat soeben nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik zum 3. Oktober..." Den Rest ist nicht zu hören, weil er im Beifall untergeht. Gesagt hat Gysi das am 24. 8. 1990, kurz nachdem 294 Abgeordnete der Volkskammer für das Ende der DDR gestimmt hatten. Das Ergebnis ist vom Schlossplatz aus zu sehen: der Palast der Republik ist nur noch ein Schatten seiner selbst, auf dem Schlossplatz waschen Studenten ihre schmutzige Wäsche. Das macht den Charme des Projekts aus: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

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