Berlin : Hof der klugen Köpfe

Man könnte es eine preußische Headhunter-Initiative nennen: Der König warb helle Köpfe Friedrich der Große förderte die Wissenschaften. Zum Wohle Preußens – und seiner selbst.

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Besuch im Schloss. Friedrich empfängt Voltaire in Sanssouci zum Gedankenaustausch – so stellte sich der Künstler Georg Schöbel die Szene auf dem Lichtdruck von 1900 vor. Foto: akg-images
Besuch im Schloss. Friedrich empfängt Voltaire in Sanssouci zum Gedankenaustausch – so stellte sich der Künstler Georg Schöbel die...Foto: picture-alliance / akg-images

Die Zeit der Hofnarren läuft ab. Friedrich II. erkennt das früher als seine mächtigen Konkurrenten aus Österreich und Frankreich. Karl Ludwig von Pöllnitz verliert seine Stelle als „Oberzeremonienmeister“ im April 1744. Für Pöllnitz der Beginn seines Abstiegs, für die Herren Philosophen, Mathematiker und Mediziner der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin eine späte Genugtuung.

Friedrich wollte sich nicht länger lustig machen über die forschenden Zeitgenossen, die sich mühten, die reale Welt zu verstehen. 1740 schaffte der junge König mit einem Federstrich den „Narrentaler“ ab, mit dem sein Vater, der Soldatenkönig, die Mitglieder der Akademie gedemütigt hatte. 200 Taler mussten sie zum Unterhalt der Hofnarren beisteuern.

Friedrich achtete Künstler und Wissenschaftler. Er wollte selbst einer von ihnen sein und probierte sich in seiner Zeit als Thronanwärter auf Schloss Rheinsberg in verschiedenen Disziplinen. „Das Aufblühen von Kunst und Wissenschaft ist das sicherste Zeichen, dass ein Land unter kluger Regierung glücklich, wohlhabend und reich ist“, lautet ein überliefertes Zitat von ihm. Dieses Statement könnte auch in der Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel stehen. Die Entwicklung des rückständigen Preußen war für Friedrich Chefsache. Dazu startete er ein umfangreiches Abwerbeprogramm, eine preußische Headhunter-Initiative. Die hellsten Köpfe des Kontinents sollten ihm helfen, Anerkennung und Bedeutung zu erlangen.

Voltaire zu verpflichten, war ein wichtiger Erfolg. Später konnte Friedrich den berühmten Mathematiker Leonard Euler aus St. Petersburg nach Berlin locken. Auch Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, der Akademiepräsident ab 1746, ein Mathematiker, Philosoph und Astronom, galt als guter Fang. Der Berliner Hof wurde aber zeitweise auch zum Zufluchtsort für verfemte Denker der Aufklärung wie La Mettrie.

Friedrich ordnete an, die Veröffentlichungen der Akademie hätten in französischer Sprache zu erfolgen. Schließlich korrespondierte er selbst in dieser lingua franca der europäischen Geisteswelt. Und Maupertuis verstand kein Deutsch.

Friedrich sah sich vor allem als Philosophen, die Lösung praktischer Fragen überließ er seinen Untergebenen: die komplizierte Seidenraupenzucht, das Wasserspiel in Sanssouci und der Kartoffelanbau. Sein Vertrauter Fredersdorff wandte sich der Alchemie zu und versuchte, Quecksilber irgendwie in Gold zu verwandeln. 1753 schickte er Friedrich ein „Rezept zum Goldmachen“, doch der König reagierte distanziert. „Ich danke dir für deine schönen Sachen; ich schicke dir alles zurück. Gesundheit ist besser als alle Schätze der Welt. Pflege dich erst, dass du besser wirst, dann können wir Gold und Silber machen.“

Allein die Heilkunst entfachte seinen Ehrgeiz. In der Medizin war das Feld besser bestellt, als Friedrich seine Regentschaft antrat. Die Ausbildung von Militärärzten hatte schon sein Vater vorangetrieben, schließlich diente sie direkt der Heeresfürsorge und damit der Machterhaltung. 1710 wurde die Charité als Lazarett für Pestkranke errichtet. 1713 trafen sich Ärzte und Chirurgen – damals zwei getrennte Berufszweige – im neu gegründeten „Theatrum anatonicum“, um die erste Sektion einer menschlichen Leiche zu vollziehen, bislang ein Tabu.

Mit Maupertuis und anderen Akademiemitgliedern korrespondierte Friedrich ausgiebig über Krankheiten, die ihn selber plagten oder seine Regimenter zu dezimieren drohten. Als Friedrichs Lieblingsneffe Heinrich an den Pocken verstarb, ordnete der König an, das Leiden durch systematische Aufklärung der Landbevölkerung zurückzudrängen. Später ließ er englische Ärzte nach Berlin kommen, die gegen die Pocken impfen sollten. Allerdings scheiterte das Vorhaben an zu hohen Kosten.

Friedrich betätigte sich selbst als ärztlicher Ratgeber, verordnete Pillen oder eine strenge Diät. Dem Mathematiker D’Alembert schrieb er: „Er soll sich unter die Rippen fühlen lassen, um gewiss zu sein, ob die Leber im gehörigen Stand ist.“ Der König setzte sich für eine gründliche Diagnose des Patienten ein, bevor an ihm kuriert wird. Das war durchaus nicht allgemeine Überzeugung. Auch dass bei Arzneien nicht nur der Stoff selbst, sondern auch die verabreichte Menge eine Rolle spielt, hatte Friedrich erkannt. Gleichzeitig verordnete er bisweilen den klassischen Aderlass und weigerte sich, den Scharfrichtern zu verbieten, sich nebenberuflich als Chirurg zu verdingen. Ärzte, die bei ihm Gehör finden wollten, mussten sich zunächst seinem schneidenden Humor gewachsen zeigen. In der Regel begrüßte er sie mit der Frage, wie viele Friedhöfe sie beim Kurieren schon gefüllt hätten.

Nach 1756, dem Beginn des siebenjährigen Krieges, übernahm Friedrich selbst den Vorsitz der Akademie und ließ sich dabei intensiv von französischen Gelehrten beraten. Denn der Akademiepräsident hatte regelmäßig eine Preisfrage auszuschreiben. 1777 regte D’Alembert die heute zynisch wirkende Frage an: „Ist es von Nutzen, sein Volk zu betrügen?“ Die Preisfrage, ob die Politik die Bürger belügen dürfe, galt als ketzerisch. Friedrich, inzwischen gealtert und schon mit der Festigung seines Nachruhms beschäftigt, gab ein entsprechendes Dekret heraus.

Die „Volksbetrugs-Preisfrage“ markierte den Beginn der Aufklärung und wurde zu einem großen PR-Erfolg. Insgesamt 42 namhafte Denker machten sich an ihre Beantwortung, darunter Jean Paul. Zwei Mitglieder der Akademie gewannen den Preis, viel wichtiger ist aber, wer sich ermutigt fühlte mitzumachen: Johann Christoph Weber, Wirt des Gasthauses „Zum grünen Baum“ in Schwäbisch-Hall, oder auch die Landpastoren Johann Friedrich Mayer aus Kupferzell, Georg Friedrich Mund aus Goslar und Johann Leberecht Münnich aus Ruppin.

Friedrich war aber keineswegs an einer Popularisierung der Wissenschaften interessiert. Bildung blieb dem Adel und reichen Bürgern vorbehalten. Das Volk immerhin konnte Rechenschaft einfordern, Pflichterfüllung und die Einhaltung der Gesetze. Friedrichs staatstheoretische Schriften bürdeten dem Monarchen ein Höchstmaß an Verantwortung für die Untertanen auf, als „erster Richter, erster Feldherr, erster Minister der Gemeinschaft“. Nur leider fehlte ein Mechanismus, wie das Volk einen Herrscher loswird, der sich zum Tyrannen und Despoten entwickelt. Diese akademische Preisfrage war Friedrich wohl doch zu heikel.

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