Berlin : Hoffmanns Empfehlungen

Michael Zajonz

In Berlin, wo jede bessere Baugrube zur "Schaustelle" ernannt wird, blühen Großbaustellen der Denkmalpflege im Verborgenen. Dem Alten Stadthaus sicherte selbst die Einrüstung des 80 Meter hohen Turms kaum erhöhte Aufmerksamkeit: Der von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann 1902 bis 1911 in kühner Mixtur aus italienischer Hochrenaissance und friderizianischem Barock errichtete Prunkbau kommunaler Verwaltung hält zwischen Klosterstraße und Molkenmarkt eine Randlage inmitten des Zentrums. Nun versucht ein materialreicher Aufsatzband, den mit grauem Muschelkalk verkleideten Koloss aus dem Windschatten des Roten Rathauses zu holen. Wolfgang Schäche und Dorothea Tscheschner dokumentieren Entwurfs- und Baugeschichte wie auch die wechselvolle Nutzung: Zwischen 1955 und 1990 igelte sich im zunehmend kafkaesken Labyrinth der Höfe und Gänge der DDR-Ministerrat ein. Das für 1000 Beamte konzipierte zweite Rathaus der Metropole verkam zum weißen Fleck auf dem Stadtplan.

Seit den fünfziger Jahren verschwand, was ostdeutschen Ministerialen als Erbe entbehrlich schien. Die Silhouette litt durch Abnahme der Turmskulpturen und vereinfachten Wiederaufbau des Daches. Laminat und Sperrholz verdeckten den Pilasterschmuck der Repräsentationsräume. Doch eine 1990 entstandene Fotoserie zeigt beachtliche Qualität: Das von Ex-Bauhäusler Selman Selmanagic entworfene Arbeitszimmer Ministerpräsident Grotewohls hielt dem Vergleich mit Sep Rufs Interieurs des Bonner Kanzlerbungalows durchaus stand.

Seinen Ausbau werten Gerhard Spangenberg und Martin Reichert als Verlust. Anschaulich erläutern die Architekten der seit 1994 laufenden Sanierung ihr denkmalgerechtes Reparatur- und Rückbaukonzept, das Spuren der DDR-Zeit wie zeitgenössische Interventionen zulässt. Man ging überwiegend rücksichtsvoll mit Vorgefundenem um, reparierte Fenster und Terrazzoböden, rekonstruierte den Zierbeschlag der Türen, markierte verlorene Gewölbe und Raumfassungen in noblem Silbergrau.

Die Raumfolge von Festhalle und Vestibülen ist ein anspruchsvolles Mixtum compositum fragmentarisch konservierter, rekonstruierter und modern ergänzter Teile - und wird entsprechend kontrovers diskutiert. Streitpunkt ist das Tonnengewölbe in Hoffmanns Festhalle, dem Bärensaal. Spangenberg verzichtet auf Neuverputz und inszeniert das aus Ziegeln gemauerte Gewölbe in satter Ruinenschönheit. Die Innenverwaltung als Nutzer wünscht jedoch so viel "Hoffmann" wie möglich - selbst rekonstruiert. Zu Recht verweist der Architekturkritiker Dieter Bartetzko auf den Kontext des Konflikts: "Die seit 1989 erneute Rekonstruktionslust samt der Phobie gegenüber allen störenden Spuren der Geschichte ist längst ein elementares allgemeines Bedürfnis."

Ein solides, dabei aktuelles Buch? Michaela van den Drieschs Aufsatz über die Bauplastik relativiert diesen Eindruck. In einem Gutachten 1994 hatte sie kein übergreifendes Programm der Skulpturen ermitteln können. Heraldische Motive ausklammernd, sieht sie nun in den 1996 freigelegten "Sprüchen Salomonis" den Schlüssel des "Gesamtkunstwerks". Doch kosmologischer Interpretation widersprechen nicht zuletzt Hoffmanns Äußerungen: Sein Augenmerk liegt auf Form und Material, kaum in thematischer Eindeutigkeit von Skulpturen.

Ist kunsthistorische Überinterpretation zuweilen originell und fast immer verzeihlich, gilt dies keinesfalls für mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt. Die für ihre Interpretation entscheidende motiv- und typengeschichtliche Abhängigkeit des Turms vom Glockenturm der Dresdener Hofkirche sah nicht allein Frau van den Driesch - wie ihr Text suggeriert. Die Kunsthistorikerin Antje Hansen wies in ihrer Magisterarbeit erstmals auf die Bedeutung einer Skizze hin, auf der Hoffmann beide Türme nebeneinander stellt. Sie publizierte ihre Entdeckung 1996 im Jahrbuch des Berliner Landesarchivs. Bedauerlich, dass Herausgeber Wolfgang Schäche, der damals Gutachter war, nicht auf den korrekten Verweis bestand. Was Hoffmann einst aus Angst vor Veränderungen an "seinem" Stadthaus notierte, kann so auf vorliegenden Band zurückfallen: "Wenn an einem feierlichen Frack auch nur ein kanarienvogelgelber Knopf angenäht wird, ist es mit der Feierlichkeit vorbei."

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